Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 395 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude im deutschen Drama. 395 denn „eher betet ein frommer Jude zum goldenen Kalbe, als daß er, von einem Konvertiten heimlich Geld nähme." Und die Stellung des Konvertiten unter den Christen? sie hassen uns für das, was wir waren: Inden — für das, was wir wurden: Christen! Und wenn wir durch den Schweiß unserer Arbeit reich werden, immer reicher, immer mächtiger, so schmeicheln sie uns, ehren sie uns — Haffen sie uns, finden sie uns schändlich, verächtlich." „Und hätten wir Leib und Seele in Jordanfluten gebadet — für sie bleiben wir an Leib und Seele verfehmt und geächtet, für sie leben wir fort und fort in einem Zwinger, den keine Hand niedcrreißt; für sie umschließt uns ewig ein Ghetto." Der arme, reiche Baron kauft das ganze Ghetto zusammen, um es abzureißen und gesunde Wohnungen für die Juden, die für diese Neuerung kein Verständnis haben, aufzubauen. Beim Abbruch des Elternhauses erschlägt ein Dachbalken seine ehemalige Braut und trifft ihn selbst; in den Armen seiner Mutter kehrt der Sterbende zurück zum Judentum, zu den Eltern und zum Frieden. So schließt dies Stück —- ein echter Voß mit krassen Theatereffekten, sprungweiser Motivierung und einzelnen verzeichneten Charakteren, aber doch mit vielen schönen und wahren Einzelheiten, mit innigen Tönen und warmen Farben, mit packender Realistik. Durch diese Vorzüge übertrifft es bei weitem Nordaus und Herzls Stücke, die beide an den Zionismus anklingen und tiefe Sehnsucht aushauchen nach dem gelobten Lande, das den Juden gehören soll. Beioe sind durchaus Tendenzslücke. Nordaus „Doktor Kohn" bringt nicht ungeschickt den versteckten Antisemitismus der sogenannten gebildeten Kreise auf die Bühne. Doktor Kohn vermag zwar einen hohen wissenschaftlichen Preis von einem christlichen Rrchterkollegium im Auslande zu erringen, aber die Professur, die er in Deutschland ersehnt, kann er nicht erlangen, weil er Jude bleiben will — selbst nicht um die Heirat mit einer Christin, die freilich selbst die Tochter eines getauften Juden ist — eines Juden, der sich taufen ließ, um ein verarmtes Adelsschild zu vergolden. Trotz seines Landwehresfizierpatents, trotz des vor dem Feind erworbenen Eisernen Kreuzes verachtet den Kommerzienrat Moser doch die adlige Sippe von Junkern und Muckern und reizt ihn dadurch, in die Heirat seiner Tochter Christine mit Doktor Leo Kohn einzuwilligen. Nun geht Gewalt vor Recht; eine freche Provokation durch Christines Bruder, den feschen Leutnant, treibt den Juden zum Duell, in dem er fällt, da er absichtlich in die Luft schießt, der Leutnant ihn eben so absichtlich nieder knallt. In Mosers Haus verstirbt er, und an seiner Leiche nennt Christine Kohns Mutter „Mutter!" Was