Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 394 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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594 Im deutschen Reich. „Als Kirchenfürst Hab' ich die Heisgen Schriften Der Juden, ihre Thora, ihren Talmud Geprüft und nirgends jene H.iffeslehre Gefunden, welche nach dem Mute lechzt Von Andersgläubigen; verbietet doch Der Talmud selbst den-Schein des Blutvergießens! Und des Ganzen Sinn geben die Schlußworte: „Wahrheit, Liebe, Menschlichkeit!" Während diese Werke der Gegenwart nur ein Spiegelbild ihrer eigenen Sünden Vorhalten, aus dem sie selbst ihre häßlichen und entstellenden Gesichtszüge erkennen soll, führen uns Richard Voß, Paul Lindau, Max Nordau und Theodor Herz! mitten in die Gegenwart selbst hinein. Da haben wir ein Schauspiel „Daniel Danieli" von Richard Voß, das Leben eines Konvertiten, der aus einem armen Judenjungen ein steinreicher Mann wurde, der um Geld und Ansehen die Liebe zu Religion und Eltern verkaufte und so erreichte, daß Fürsten und Barone bei ihm antichambrieren, aber das Glück und den inneren Frieden nicht durch das Taufwaffer gewann. Seine edle Gattin schreitet neben ihm durch das Leben und ist ihm innerlich fremd, weil sie den Mann nicht achten kann, der seine Religion wechselt, ohne die Kraft und den Mut zu haben, den abgeschworenen Glauben täglich von neuem vor der Welt und vor sich selbst als falsch zü dokumentieren. Pius Danieli aber, einst Daniel Danieli, hängt mit tausend Wurzelfasern am Judentum, an seiner Familie, an seiner heißgeliebten Mutter, an seinem um ihn schwachsinnig gewordenen Vater, an seiner einstigen Braut, die dann sein armer Bruder heiratete ~ drrm „die Juden halten so fest zu einander", und er belauscht im Dunkeln die schlichte Sabbathfeier im Elternhause, wo die Aermsten reich werden, —- das armselige Zimmer hell vom Kerzenschein, der häßliche Boden mit frischen, grünen Zweigen bestreut, der Tisch weiß gedeckt, auf dem Tisch die lieben, alten Geräte. Dann die Gebete. Meines Vaters Stimme! Meiner Mutter Stimme! „Meine Mutter Sabata an den heiligen Festtagen im Feierkleide" und fo stöhnt er inmitten seines Reichtums, „wie mir das Fischgericht, das meine Mutter bereitet hat, schmecken würde!" Und nicht nur reich sind diese Ghettojuden in ihrem stillen Glück, trotz der fürchterlichen Wohnung am Tiber, der bei jedem heftigen Regen in das feuchte, von Ratten wimmelnde, moderige Haus aufsteigt und beim Sinken Schlamm und Unrat. Krankheit und Pest zurücktäßt. sie haben auch ihren Stolz;