Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 393 (sequence 7)
- Language
- German
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Der Jude im Deutschen Drama. 393 christlichen Arzt, dem Sohne des Frankfurter Bürgermeisters, just zu selber Zeit ein totes Kind gebar; die Lciche verbirgt sie vor dem Vater im Bibliothekzimmer, das er seit seiner Verhaftung nicht betrat. Diese Kindcsleiche findet man im Hause des Ravbi, und da der schurkische Vater des ertränkten Kindes den Schächtschnitt jener beibringt, ist der Ritualmord mit Judenverfolgung, Mord und B^and begründet. Rabbi David und Lea, die nach Frankfurt geflüchtet sind, werden e griffen, eingekerkert und gefoltert; im Kerker gesteht Lea dem Vater ihre Schuld, er aber verzeiht und vermag es nicht, die Schande der Tochter preiszugeben. Sie selbst, sterbend vor das Tribunal gebracht, bekennt ihre Schuld, und an ihrer Leiche bestätigt ihre Aussage der Geliebte, fie vor Richtern und allem Volke als sein Weib erklärend. Trotz der Wut des Volkes und der Heimtücke des öffentlichen Anklägers, Inquisitor Doktor Baraß, eines getauften Juden, der voll Rachgier ist, weil ihn selbst das schöne Judenmädch n Lea abgewiesen bat, wird der Rabbi von d»m edlen Stuhlherrn des Reichskammergerichts, Grafen Artenstein und dem würdigen Erzbischof freigesprocken. Die Volkswirt führt zu Plünderung und Brandstiftung uub Mord im Judenviertel, zur dritten Judcnjchlacht; die Mauern und Dachbalken der angezündeten Synagoge begraben das letzte Häuflein Juden, aber auch Leas Gatten, der in der Synagoge an der Leiche von Weib und Kind die Totenwacht hielt. Im ganzen ist also der Stoff viel verwickelter, als in der „Osternacht." Die Kerkerszenen und die Gericktöszene find Perlen moderner dramatischer Dichtung; und die edle Absicht des Dichters, die überall hervorlugt, ist über alles Lob erhaben. Aber ich kann nicht verhehlen, daß die Charakterzeichnung des Rabbi bedenklich ist und der so edel auftrctende Doktor Holzichuher, Leas Geliebter, doch eigentlich ein Schwächung ist. Denn ein ganzer Mann, der stark genug ist zu einem Fehltritt, muß auch dessen Folgen auf sich nehmen, zumal wenn Leben, Ehre und Existenz vieler unschuldiger Menschen davon abhängt. Das scheint der Dichler selbst empfunden zu habrn, und Holzsckuhers Tod soll wohl die Sühne für seine Schwachheit und Feigheit sein. Daß aber ein Rabbi, zumal von 1493, Mischehen zwischen Juden und Christen als Notwendigkeit wie Luft und Licht und Wasser bezeichnet und selbst zur zweiren Gattin eine Christin nahm, das glaube ich nicht! Auch wäre cs nach meinem Gejchmack, Worte wie „semitische, „Semirenhetzerei" vermieden zu sehen; das fällt aus dem Rahmen der Zeit und verseht zu schroff in die Gegenwart. Immerhin tönt es auch aus diesem Drama mit furchtbarer Mahnerstimme, was der Erzbischof verkündet: