Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 391 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jude im deutschen Drama. 381 Da haben wir die harmloseren Vorwürfe gespiegelt, welche man den Juden macht! Sie bedeuten wenig gegenüber der furchtbaren Anklage, welche man ihnen auch in unserer angeblich erleuchteten Zeit noch entgegenzuschleudern wagt, gegenüber der albernen Mär vom Ritualmorde. Dagegen haben mit poetischem Schwung und edelster Begeisterung zwei dramatische Dichter ihre Stimme erhoben. Sowohl Wilhelm Wolfsohn, ein älterer Freund Theodor Fontanes, hat sein vor etwa 50 Jahren im kgl. Hoftheater zu Dresden erfolgreich aufgeführtes Schauspiel „Die Osternacht" ausdrücklich als Mahnruf gegen jenen Wahn bezeichnet, als auch Friedrich Weiser das dem Herzog Georg von Meiningen zugeeignete, von ihm selbst inszenierte und mit stürmischem Beifall aufgenommene Schauspiel „Rabbi David*, dessen Stoff dem Heineschen Novellenfragment „Rabbi von Bacharach" entlehnt ist. Die erste Aufführung fand in Meiningen am 4. März 1894 statt. Wolssohn verseht uns in das Spanien gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Der Sohn des Alcalden von Segovia gerät mit seinem Freund Don Luis im Waldesdunkel in Streit, der in einen Degenkampf ausartet — des Alcalden Sohn fällt und stirbt. Ein schurkischer Diener, der vorher zehn Jahre im Dienst des reichen, jüdischen Diamanthändlers Isaak gestanden hat und von ihm schimpflich aus dem Hause gejagt worden war, verspricht Luis, die Tat von ihm abzuwälzen. Wie könnte er so gute Gelegenheit zur Rache sich abgehen lassen, — er kennt alle Räume des Hauses, er weiß, daß es die Zeit des Passahfestes ist, er weiß, daß alles Volk an jüdische Ritualmorde glaubt und nach einem Beweis dafür geradezu lechzt. Also schmuggelt er mit rasch gefundenen falschen Zeugen die Leiche in ein unbenutztes Zimmer des Judenhauses. Isaak feiert mit Gästen harmlos den Sederabend, den der Dichter mit kühnem Griff voll all' feines Zaubers auf die Bühne stellt, als mit dem Diener und feinen Helfershelfern die Hermandad in das stiedliche Familienbild einbricht und vom Diener Pascual geleitet, die Leiche des Vermißten im verschloffenen Kämmerlein findet. Der Ritualmord ist klar erwiesen; alle Juden werden in den Kerker geworfen, weigern sich ebenso standhaft, die Taufe zu nehmen, als eine Schuld zu bekennen und stehen im letzten, die Seele grausam erschütternden Akte in ihren Gebetmänteln vor dem Scheiterhaufen, dessen vier Ecken vi?r vermummte Gestalten mit lodernden Fackeln bewachen. Die Ritter sitzen vergnügt in der Loge, das Volk drängt sich davor voll Ungeduld, und alles harrt des entsetzlichen Schauspiels, als der greise Prior des nahen Klosters Paular erscheint und mit dem Kreuze die