Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 389 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Jude im deutschen Drama. 389 Hebbel hat den Juden des Mittelalters geradezu als Symbol des Leids in seiner „Genoveva" erwählt, an dem das nur zum Hort der bedrängten Unschuld geweihte Schwert Golas seine Wirkung auszuiiben sucht. Aber der Jude, den der Pöbel der Brunnenvergiftung ciT>t, weil er aus einem Brunnen trank, will keinen Schutz — es „leckzt doch meine Brust Nach Schimpf und Schmach und unverdienter Qual. Sie sind mein Schatz, mein einz'ger, letzter Schah, Sind meines Volkes Schatz, wodurch es einst Zurück erkauft, was es an Rom verlor; Die heil'ge Stadt, das hochaelobte Land. Für jeden Stein in Zion will der Herr Ein Herz, das brach, und eine Wunde, die Nicht heilt und nicht verharscht", schreit er, Golas Schwert zurückstoßend, und er nennt sich schon reich, weil ihm ein Ritter, weil kein Tier zur Probe vorhanden war, den Bolzen in das Haupt schoß und ein Knappe ihm zum Zeitvertreib das linke Ohr abhieb. Und als er vom Pöbel ermordet fällt, hat man nur die eine Sorge, daß seine Leiche außerhalb des Tores liegt „bis die Raben ihn fortschleppen". Gutzkows „Uriel" und die Genoveva-Episode haben uns zum Teil aus dem rein historischen Drama bereits hinausgeführt. Denn neben dem historischen Vorwurf wird uns Art und Eigenschaft des Juden vor Augen geführt — hier wie sie ist, und dort, wie man sie sich vorurteilsvoll gedacht. Wir sind demnach durch diese beiden Dichtungen schon in die Zweite Gattung der mit dem Juden sich beschäftigenden deutschen Dramen eingetreten. Ich rechne zu dieser zweiten Art auch Mosenthals „Deborah"; denn wenn auch das historische Moment in der Juden-Emanzipation in Oesterreich durch Joseph, den guten und edlen Kaiser hineinspielt, so bietet uns doch dieses „Volksschauspiel" des „platten Effekten- Haschers", wie ihn Richard Meyer heißt, wesentlich ein Bild der Angst und Sorge, die in einem steirischen Dorfe um 1780 durch die Nähe einiger armseliger Juden entstehen; der gute Pfarrer, der das arme jüdische Weib vor der johlenden Volksmenge schützt, ist gleichsam ein Ahnherr der kommenden Toleranz — in den Augen seiner Gemeinde freilich ein Freigeist. Denn die alte Liese fürchtet, daß die Jüdin die Brunnen vergiftet, „wie anno 1600 und etliche geschehen ist", daß „sie die Kinder verhext, daß sie die schwarzen Blattern bekommen und häßliche Kröpfe." Und als die Juden weiter gezogen sind, steht's im Dorf ganz anders aus — „das hat wie ein Gewitter