Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Das Wesen des Judentums
- Date
- 1904-07-01
- Page
- 381 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Wesen des Judentums. 381 sührungen unseres Verfassers absurd sein. In Wirklichkeit hat das Judentum vom achten bis zum vierzehnten Jahrhundert sich in einem Zustand fortwährender Gährung befunden. Gewaltige Denker, die lief in die Bildung ihrer Z.'Lt eingedrungen waren, haben den Glaubensbestand der Religion stets von neuem geprüft und den Lehrinhalt des Judentums in wesentlichen Stücken vom Talmud losgelöst. Es waren wiederum die Leiden, die diesen Prozeß unterbrachen — und wo das Ghetto fortdauert, da ruht er bis auf den heutigen Tag - aber kaum ward den Juden wieder ein menschenwürdiges Dasein gestattet, da wurde auch die Arbeit religiöser und sittlicher Entwicklung wieder ausgenommen, die von Moses Mendelssohn an bis auf den heutigen Tag nickt abgeschloffen ist. Hier ruhen die starken Wurzeln des modernen Judentums, daß es die Jahrhunderte des Ghettos überspringend, an seine weitere Vergangenheit anknüpst, daß es mit der neuen Bildung, mit den neuen wissenschaftlichen Mitteln unserer Zeit ausgerüstet, das Mittelalter, den Talmud prüft, und über den Talmudrsmus hinaus zurückgebt bis auf die Epocve, da die Propheten Israels mit unvergleichlicher Tiefe den Glauben verkündeten, der in . der Religionsgeschichte der ganzen Menschheit den Höhepunkt bezeichnet. Daß der Verfasser hiervon nichts weiß, daß er für seine Person nichts wissen will, ist sein gutes Recht; aber dann verschone er uns mit seinen Ratschlägen und seinen Heilmitteln. Wer um die Vergangenheit des jüdischen Volkes sich nicht bekümmert, dem braucht auch um seine Zukunft nicht bange zu sein. Nur bei Kindern an Geist darf auf Glauben rechnen, wer der Grundtatsachen seines Problems fo sträflich unkundig ist wie er. In den modernen Juden, die mit der Kulrur fortschreiten, nach den Ges tzen des Landes leben, dem sie angehören, und dennoch Juden bleiben wollen, sieht er nur Toren, die das Judentum nicht kennen und deshalb glauben, es sei mit dem, was sie wollen, zu vereinigen. Wir erwarten nun den Nachweis, inwiefern die moderne Weltanschauung dem Judentum so sehr zuwider laufe, aber statt dessen hören wir: „Ihr kommt in die Schule. Wenn Euch die Natur nicht zufällig mit einer arischen Nsse ausgcstatret hat, werdet Ihr bald die schmerzliche Erfahrung machen, daß Eure arischen Kameraden von Euch abrücken. Aber ich will annehmen, ein anständiges Gesicht und anständige Manieren ha^en Euch geholfen, mit Euren Mitschülern in ein leidliches Verhältnis zu kommen. Dieses leidliche Verhältnis wird, sobald Ihr auf die Universität gelangt, ein jäbes Ende uehm-n. Setten wird ein Korps oder eine Burschenschaft sich bewegen lassen,