Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-06-01
- Page
- 348 (sequence 15)
- Language
- German
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348 Im VerUjHen Reich. demokratische Umdichtung des'Weihnachtsliedes: ^Stille Nachts heilige Nacht" in den Bäcker-Boykott-Liedern veranlaßt die ^Germania" zu der Aeußerung: ^Wer der Umdichter mit dem Pseudonym Mueius Scävola ist, wissen wir nicht; wir vermuten aber darunter einen Menschen orientalischer Herkunft; denn ein Deutscher würde, auch wenn er Atheist wäre, sich niemals dazu hergeben, dieses beliebteste deutsche Weihnachtslied in dieser Weise zu travestieren und zu verunglimpfen." Auf eine bloße „Vermutung" hin eine solche aufreizende Aeußerung zu tun, ist gewiß unwürdig. Uebrigens erklärt der „Vorwärts", daß Mueius Scävola ein JoHblutarier", also mindestens so germanisch wie die „Germania" ist, denn „deutsch" ist es sicher ebensowenig, jüdische Deutsche als deutsche Weihnachtslieder „zu verunglimpfen". Was allem Wüten der Todfeinde des Deutschtums in Oesterreich nicht geglückt ist, das will, so schreibt die „Voss. Ztg.", verbohrter Parteifanatismus leichtherzig vollführen, die Durchschneidung eines der letzten Bänder, die das österreichische Deutschtum mit der deutschen Gesamtnation verknüpfen. Von der Allgemeinen deutschen Turnerschaft soll der Kreis Deutsch-Oesterreich abgesprengt werden, aus einer das Deutschtum der ganzen Welt umfassenden, bewunderungswürdig funktionierenden nationalen Gesamtorganisation sollen die Deutsch-Oesterreicher ausscheiden. Und was ist der Grund für solch herostratisches Beginnen? Einzig und allein die Tatsache, daß die Leiter der deutschen Turnerschaft dem Flügelschlage der antisemitischen Seele nicht genügend weiten Raum gewähren, weil sie — nicht etwa die den XV. Kreis beherrschenden antisemitischen Turnvereine in Oesterreich beiseite schieben, sondern weil sie den deutschfreiheitlichen Turnvereinen in Oesterreich das Recht zugestehen wollen, sich innerhalb der Allgemeinen deutschen Turnerschaft als Kreis XVd zu organisieren. Auf dem am 29. Mai in Wien abgehaltenen Kreisturntage der deutsch-österreichischen Turnerschaft kam der Antrag auf Austritt des Turnkreises aus der deutschen Turnerschaft zur Abstimmung. Für den Austritt stimmten 78, gegen den Austritt 58 Vertreter; da aber zur Gültigkeit des Austrittsbeschluffes die Zweidrittelmehrheit erforderlich gewesen wäre, war der Antrag gefallen. Um wenigstens dem grundsätzlichen Standpunkte Ausdruck zu geben, nahm man in einer Resolution die Erklärung an, daß der Beschluß des deutschen Turntages auf Bildung eines Turnkreises XVd'gegen das Grundgesetz der Turnerschaft verstoße und daß demnach die Aushebung jenes Beschlusses gefordert werden müsse; wenn diese nicht er-