Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-06-01
- Page
- 343 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 34.'Z schast enthalten ist. Es ist klar, daß eine derartige Ausstreuung weit über das Maaß des der verständigeu Presse Erlaubten hinausgeht, und daß eS mit der Ehre der Milmenschen ein grausames Spiel treiben heißt, wenn jemand in dieser Weise verfährt. Denn den Angeklagten konnte nicht unbewußt bleiben, welche Folgen diese Aufregungen hatten und haben mußten. Wenn auch nicht anzunehmen ist^ daß sämtliche Gewalttätigkeiten aus die Artikel der „Slaalsbürger-Zeitung" zu. rückzuführen sind, so ist -och zu bedenken, daß schon von An. fang an eine Neigung zur Gewalttätigkeit bestand, und daß diese Neigung durch die Artikel der „Staatsbürger-Zeitung", insbesondere durch die, in welchen jüdische Personen der Täterschaft verdächtigt worden, in hohem Maaße angestachelt wurden. Dieser Umstand muß bei der Strasbestimmung berücksichtigt werden. Dafür erhielt Wilhelm Bruhn 6 Monate und der Redakteur Bötticher 12 Monate Gefängnis. Wenn die Polizeibehörden unter diesen Umständen den Versuch der radikalen Antisemiten, die Entlastung Bruhns am 26. Mai zu einer auffallenden antisemrtlschen Kundgebung zu benutzen, energisch verettelten, ist dies begreiflich. Um einen Auflauf zu verhindern, wurde Bruhn nicht durch dre große Pforte des Tegeler Gefängnisses entlasten, sondern von zwei Beamten durch eine Seitenlür hinausgeführt. In der Chausieestraße nahe der Liesenstraße erwartete aber ein starkes Aufgebot von Schutzleuten zu Pferde und zu Fuß den von den Anhängern Bruhns veranstalteten Langen Wagenzug. Run wurden immer nur je drei Wagen in einem Abstand von etwa 200 Meter abgelaffen, die unter polizeilicher Bedeckung werter' fahren durften. So kam es, daß Bruhns von berittenen Scyutzmannschaften begleitet durch die Fnedrichstraße nach dem Redakttonslokal fuhr; eine größere Menge von Wagen folgten, während die andere Hälfte der Demonstranten den Weg. zu „Klstenmacher" In den Zelten einschlug. Dies gab Anlaß zu dem Gerücht, daß Bruhns neuerdings verhaftet sei, was aber nicht der Kall war, da er zu dem Kommers in den Germaniasälen in der Chauffeestraße, wenn auch verspätet, erschien und dort unter großem Beifall tm überfüllten Saale sprach. Die bei dem Kommers gehaltenen, meist drohenden Reden richteten sich sämtlich weit weniger gegen die Juden, über diese weit hinweg gegen höhere Stellen. Redakteur Kammer erklärte unter dem Jubel der Anwesenden, daß der antisemitische Geist nicht mehr aufzuhalten sei, und daß auch der Tag kommen werde, wo manchen hohen Herren die Augen aufgehen werden.