Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-06-01
- Page
- 338 (sequence 5)
- Language
- German
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m Im deutschen Reich Stelle zu einer schärferen Überwachung der Pückler-Versammlungen geführt haben.. Eine in Kellers Etablissement in der Koppenstraße veranstaltete Versammlung wurde bald darauf aufgelöst, weil der ehemalige Amtsvorsteher von Klein-Tschirne „zum Kampfe gegen die.Juden mit der Energie von Löwen und Tigern aufforderte", eine andere in den Konkorbia-Säleri, weil er den anwesenden Polizeileutnant verhöhnte und zweiter zu dreschen" erklärte. Ueber die Szenen, die dann der Auflösung folgten, belichtete die „Staatsbürger Ztg." selbst: „Die Erregung hat sich aus dem Saale auf die Straße fortgepflanzt, und. es ist dort zu recht bedauerlichen Zusammenstößen gekommen, sodaß, wie uns gemeldet wird, seitens einiger Schutzleute sogar blankgezogen worden ist." Daß durch die aufreizenden Dreschreden Pücklers dieser Geist der Zügellosigkeit und der Mißachtung der behördlichen Organe aus den Versammlungen auf die Straße getragen wird, ist kaum zu verkennen. Bald nach den Zusammenrottungen sind aber wieder andere Pückler-Versammlungen mit noch aufreizenderen Themen angekündigt und gestattet worden. Die seltsam zwischen scharfer Energie und zartjchonender Milde wechselnde Behandlung, die man dem exzentrischen Grafen und feinen spekulativen Hintermännern angedeihen läßt, und die Unterschätzung fortgesetzter Aufreizungen zu Gewalttätigkeiten gegen eine nahezu wehrlose Beoölkerungsmrnderheit versetzen natürlich einzelne Menschen in den Wahn, daß auch sie ihren leidenschaftlichen Regungen Folge leisten dürfen, ohne sich in erheblicher Wehe strafbar zu machen. Wenn aber bei einfachen Leuten der Uebermut den Becher einmal Nichtjudcn gegenüber überschäumen läßt, entsetzt sich dieselbe antisemitische Presse, welche Rohyeilcn gegen Juden oder gegen einzelne sie schützende behördliche Organe herbciwüns'cht; sie jammert z. B. über den „Psingstpöbel", der christliche Mitreisende belästigt und beleidigt, sich gegen die einschreitenden Bahnbeamren gewaltsam zur Wehre setzt und dabei einen pflichttreuen Familienvater rötlich verletzt. Wer aber „zersplitternd und zerspaltend wirkt", nur um eigennützige oder Parteizwecke zu fördern, der sollte sich eigentlich nicht wundern, wenn daraus auch grenzenloser Unsegen für Leute entsteht, die keine Juden, vielleicht sogar. Abonnenten der „Staatsbürger-Zeitung" sind! Wenn die Kulturgeschichte unserer Zeit in späteren Jahren unparteiisch ergründet und niedergeschrieben werden wird, dürfte festgestellt werden, daß auch der zum Zweck der Aufreizung gegen die Juden von denGeschäftsanrisemiten beständig aufgefnschte mittelalterliche Ritualmoidwahn nicht nur wesemlich dazu beigetragen hat, die gerichtliche Bestrafung vieler Mordtaten zu vereiteln, sondern sogar zahllose Lüstlinge erst zu abscheulichen Verbrechen verleitet hat; durften sie.