Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-06-01
- Page
- 331 (sequence 6)
- Language
- German
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Der Jude im deutschen Drama. 331 tretenden Rabbi von Nazareth läßt ihn aber die Dichterin werden, weil er einmal doch zu sehr in der alten Ordnung der Dinge darinsteckte, andererseits in seinem Menschenhab, der aus von Jugend an erfahrener Lieblosigkeit in ihm erwuchs und mächtig ward, nicht an die Liebe, welche jener predigte, zu glauben vermochte. Ob historisch' richtig oder unrichtig, ohne Zweifel psychologisch und menschlich gut begründet! Auch hier wieder sehen wir und fühlen wir den damaligen Verfall des jüdischen Volkes. „O, Israel, Israel!" ruft die von Gassenbuben verfolgte fromme Bettlerin bitter aus „Deine Väter sind wie die Hunde, aber Deine Kinder sind noch schlechter, als die Hunde!"' Und Judas selber bekennt, „ich bin durch alle Sekten gelaufen und' bin bei der Hoffnungslosigkeit stehen geblieben. Ich bin durch Judaea und Galllaea und durch Samaria gelaufen und bin mit' einem Ekel an der Menschheit zurückgekommen. Es ist ein Ekel, sage ich Dir, ein Ekel!" Wie im „Johannes" die Paflahbräuche dennoch ängstlich gewahrt werden, so hier die Sabbathweibe. Aber alle Kraft und alles Selbstbewußtsein ist geschwunden — sie kriechen mit dem Joch auf'm Nacken durch den Kot und schleifen hinter sich die Weltgeschichte, sagt Judas grimmig lächelnd, und lieber sterben sie den langsamen Kreuzestod, „als daß sie ein paar Ernten im Kampfe für die Freiheit opfern." Wahrlich, so muß wohl die historische. Wahrheit sein! So muß wohl der neue Prophet, der sich rühmt, „den Gottesfunken Liebe in das enge, traurige Menschenlos" zu werfen, die Macht gewonnen und die alte Lehre besiegt haben. So muß diese selbst groß und herrschend geworden sein. So muß sich erfüllt haben, was die Dichterin Jesus verkündigen läßt, als er vor dem Rat der Schriftgelehrten zu Nikodemus sprach „Weine über Dich, daß Du ein Jude bist. Das wird Euer Schmerz sein! Weine!" In der sogenannten nachchristlichen Zeitgeschichte ward das Judentum zum Schmerze. Wer kennt sie nicht, die Gräuel und Marter, die es trug — den Hohn und die Verfolgung, die es duldete? Die Ströme von Thränen und Blut, mit denen es den Boden aller Länder tränkte? Da ward die ganze Geschichte des Volkes zu einem Drama, zu einer einzigen Tragödie, von der jedes empfindsame Herz mit Schaudern sich avwendet. Spanien im 12. Jahrhundert bis gegen Ende des 15.—, dann die Niederlande waren die seltenen Epochen von Glück und Sonnenschein in Israels Geschichte. Nach Spaniens sonnigen Gefilden führt uns Grillparzer mit seiner „Jüdin von Toledo", die um das Jahr 1195 spielt, als Alfons der Edle König in Kastilien war. Der bekannte Vorwurf