Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-06-01
- Page
- 329 (sequence 4)
- Language
- German
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Der Hude im deutschen Drama. 329 ihm gelten, und weil man eben jetzt, da zu Bethlehem ein Kind als kommender König verehrt werde, schon darnach griffe, sollen dort alle Kinder im ersten Lebensjahre getötet werden, damit dieser Wunderknabe ihm nicht entrinne. Neben dieser Handlung ist die schwankende Zeit vortreMch gezeichnet. Der Abfall des Juden vom eignen Glauben, die Urbernahme römischer Sitten und Bräuche, die Sek'enbildung und der innere Zerfall Judäas, nur das kleine Häuflein der Pharisäer hielt noch fest an den uralten Bräuchen, und inmitten der furchtbarsten Folterqualen singt der Pharisäer Sameas „Den Psalm, den die drei Männer einst Im feur'gen Ofen sangen, er erbebt Bei jedem neuen Schmerz die Stimme lauter Und, wenn er einhält, prophezeit er gar." Und vorher rühmte sich dieser Sameas selbst „Ich balt's für Gewinn nichts von den Heiden Zu wissen, als was Moses uns erzählt. Ich mache jedesmal die Augen zu Wenn mir ein röm scher Soldat begegnet, Und segne meinen Vater noch im Grabe, Daß er mich ihre Sprache nicht gelehrt." Es ist bereits angedeutet, daß unter H'rodcs dem Großen der Stifter der christlichen Religion geboren wurde. Sein Auftreten brachte in das Judentum einen Zwie'palt, wie ihn bis dahin dessen weckselreiche Geschichte nicht gekannt hatte. Hatte es bisher gegen das Römertum und gegen Sektierer« zu kämpfen, so kam es jetzt zu dem mächtigsten Ringen mit der neuen Lehre, mit dem Christentum, und es ist fast wunderbar, daß in diesem der morscbe Bau des jüdischen Staatswesens noch Jahrzehnte fick erhielt, bis Titus die heilige Stadt zerstörte und nun wirklich die Juden in die vi r Richtungen der Windrose sich zerstreuten, Träger einer unsterblichen Idee, doch der politischen Selbständigkeit für immer verlustig! In dieser letzten Zeit des jüdischen Staates spielt noch Sudermanns Tragödie „Johannes" und das dramatische Getickt „Judas Jscharioth" von Elise Sckmidt. Zeigen zwar beide wesentlich die Ausbreitung der christlichen Lehre und dienen beide wesentlich der Geburtegeschtckte des Christentums, so lassen sie doch aus der anderen Seite als Gegenspiel die Juden genügend in die Handlung eingreifen, und damit gerechtfertigt er» scheinen, beide Dichtungen hier zu erwähnen.