Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-06-01
- Page
- 327 (sequence 2)
- Language
- German
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Der Jude im Deutschen Drama. 327 In einem zweiten Teil läßt Rückert Herodes die beiden Söhne der ermordeten Göttin aus Rom zurückrufen, um sie zu vermählen. Doch Antipater, ein natürlicher Sohn des Königs, intriguiert gegen dnse seine Stiefbrüder, um sich selbst die Thronfolge zu sickern. Ein anderer Richard III. wütet er gegen sein eigenes Geschlecht und betört durch Heuchelei den leicht beherrschbaren, alternden Herodes. Bis zum Ekel fließt in Strömen das Blut, bis Antipater, in sein eignes Lügenneh verstrickt, dem Henkerbeil verfällt. Den König aber ergreift eine zehrende Krankheit, an der er stirbt. Sein letzter Lebenshauch befahl noch der Schwester Salome, die in dem Zirkus versammelten Häupter der Pharisäer niederzumetzeln, damit sein Tod nicht klaglos bleibe. Rückerts umfangreiches Drama weist fast noch mehr die Schwächen seines „Saul" auf. Keine Spur von psychologischer Begründung, kein Versuch einer Eharaktervertiefung! Es waltet das schaurige Gefühl, daß der Mord um des Mordes willen geschehe. Wieder wird in epischer Breite und mit deutscher Gelehrtengründlichkeit erzählt — wieder fehlt die Handlung. Wir sehen nicht, daß geschieht ~ man meldet, daß geschehen ist! Und selbst der welthistorisch so bedeutsame Hintergrund, die Schlacht bei Actium und die Geburt Jesu, verblaßt und verschwimmt auf der Palette des farbenarmen Dramatikers Rückert. Dagegen Hebbel! Wie anders mutet mich dies Zeichen an! Es ist, als ob man aus der Wüste in eine sprossende Oase träte, wo der verschmachteten Seele ein lebenweckender Quell entgegenspringt. Da ist alles voll Bewegung, da gibt es Licht und Sckatten; Herodes der Große bat wirklich einen heroischen Zug und fast könnte man ihn für seine Mordtaten entschuldigen. In ihm lodert die Liebe zu Mariamne wie eine zügellose Flamme, der sie und der er zum Opfer fällt. „Ich kann's nicht tragen, daß sie einem andern jemals —* sagt er und wagt diesen Gedanken nicht auszudenken. Er sagt es zu Joseph, als er zu Antonius nach Aegypten zieht, um sich wegen des Todes des Aristobulos zu rechtfertigen. Mit diesem Befehl des römischen Oberen setzt die Tragödie ein, um in fortwährender Weigerung die Entfremdung zwischen Herodes und seiner Gattin zu zeigen. Zweimal stellt er die Gattin während seiner Abwesenheit unter Bewachung mit dem geheimen Befehl, sie zu töten, wenn sein Tod gemeldet würde. Denn, soll er sie nicht besitzen, so darf sie auch kein anderer haben. Das erste Mal verzeiht ihm Mariamne; das andere Mal spielt sie mit Herodes ein furchtbares Spiel — sie rüstet bei der Todesnachricht — rasch den Dolch, mit dem sie sich ermorden