Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Die Methode eines modernen Historikers
- Date
- 1904-06-01
- Page
- 323 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Methode eines modernen Historikers. 323 weiß Liebe nichts mitzuteilen, als ein Spottblatt auf „die beim Erlernen des Exerzitiums sich beklagenden jüdischen Rekruten". Wir haben uns der jüdischen Soldaten wahrlich nicht zu schämen. Seit den Tagen, wo sie für die Goten Neapel gegen die Byzantiner verteidigten, bis zu den jüngsten Wochen, wo der Leutnant Bendix im Kampf gegen die Hereros fiel, haben genug von ihnen für Deutschland ihr Leben gelassen. Wir können fordern, daß man nicht verhehle, was sie geleistet haben. Wie würde denn die Geschichte des deutschen Volkes sich darstellcn, wenn man si« nach ähnlicher Methode bearbeiten wollte? Im Jahre 1813 mußten im Kreise Tuchel die Landwehrmänner in Ketten geschlossen zu ihren Regimentern cinge« liefert werden. In großen Teilen von Westpreußcn muhten die Ausgehobenen bewacht und die Wälder durchsucht werten, weil die Wehrpflichtigen sich vom heiligen Kriege drücken wollten. In Potsdam leisteten die Landwehrmänner solchen Widerstand, daß die Aushebung nicht beendet werden konnte. Wenn ein Historiker nach Liebes Methode einmal eine Geschichte der Deutschen schreibt, dann wird er dicllcicht aus den Befreiungskriegen nichts als diese Tatsachen erzählen, alles übrige verschweigen und dann berichten, nur dadurch seien die Befreiungskriege möglich geworden, daß die Gendarmen die preußischen Landwehrmänner am Auseinanderlaufen verhinderten. In den Kriegsbriefen des Generals v. Kretschmann wird erzählt, wie im Jahre 1870 ein hessisches Regiment in der Gegend von Orleans schrecklich hauste und alles plünderte. Ein wahres Glück, daß kein Geschichtsschreiber den Krieg von 1870.71 so wie Liebe die Geschichte der Juden schildert; er würde sonst nur derartige Geschichten erzählen und schließlich ei klären, der Krieg sei nichts als ein Raubzug nach Frankreich gewesen, lind die französische Presie würde dann jubeln: Das einzige objektive Werk, das bis jetzt erschienen ist. Genau so, wie es jetzt die antisemitische Presse tut. Wer Liebes Buch aber nicht mit ganz aufmerksamem Auge prüft, der wird trotz aller dieser Fehler nur schwer merken, durch welche Künste der Autor die Tatsachen färbte. Das Buch macht nämlich, wenn man von den Illustrationen absieht, im ersten Augenblick einen ganz ernsten und -würdigen Eindruck. Denn unser Historiker, der im großen und ganzen so ungerecht ist, spart im Einzelnen durchaus nicht mit anerkennenden Worten. Er spricht mit großer Wärme von den jüdischen Aerzten, er erklärt, die Juden hätten mit ihrem Hausierhandel in verkehrsarmen Gegenden eine Kulturmission erfüllt, die Urheber des Fettmilchschrn Aufstands von 1614 bezeichnet er als gewiffenlcse Demagogen, als verkommene