Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Die Methode eines modernen Historikers
- Date
- 1904-06-01
- Page
- 321 (sequence 3)
- Language
- German
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321 Die Methode eines modernen Historikers. zu nchtfertigen. Daß bei solchen Manipulationen ein verzerrtes Bild entstehen muß. ist selbstverständlich. »Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede", das ist eine Wahrheit, die nicht erst gestern gesunken worden ist; uns Juden gegenüber wird sie dennoch stets verleugnet. Keinem Menschen wird es einfallen, nach Corvins Pfassenspiegel eine Kirchengesch'chte zu schreiben oder nach den Leitartikeln konservativer Kreisblättchen eine Darstellung der Sozialdemokratie zu geben. Nur den Juden gegenüber gestatten sich etliche Literaten eine derartige Praxis. Überall in der Welt bemißt man einen Menschen zunächst nach seinen eigenen Aeußerungcn, kein Richter verurteilt einen Angeklagten, nachdem er nur die Belastungszeugen gehört, die Entlastungszeugen dagegen fortgeschickt hat. wie das Lrebe tut. Wir Juden dürfen für uns das gleiche Recht verlangen, wenn wir vor drn Richter-! stuhl der Geschichte gezogen werden. Im Mittelalter führten manche! Parnziergeschlechter aus guten Gründen die Familiennamen Judenfeind oder Judenbräter; wir haben das Reckt zu fordern, daß em Historiker unsere Geschichte nickt aueschließlich nach den Aufzeichnungen der Judenfeinde nnd Judenbräter schildere, daß er Rücksicht nehme auf die jüdischen Geschickt! quellen. Und wenn der Historiker nicht gewillt ist, dcn Weg der strengen Forschung zu betreten, dann verlanaen wir wenigstens Aufrichtigkeit von ihm. dann darf er nicht versichern, er wolle sich „von den in Für und Wider parteiisch gefärbten Darstellungen der Zeitgenossen den unbestechlichen urkundlichen Zeugnissen zuwenden." Auch sonst verspricht Liebe noch mancherlei, was er nicht hält. ,Nur zu leicht vergessen wir bei der Beurteilung sozialer Zustände, daß die Quellen für das Leben des Alltags unvergleichlich spärlicher fließen als für seine Unterbrechungen, und der bäufigste Fehler des Kultur-Historikers ist, die Geschickte der Sitte auf der ihrer Uebertretungen aufzubauen." Vortrefflich! Aber wer verfällt diesem Fehler mehr, als Liebe? Warum wendet er sich nicht zu den Quellen, die das tägliche Leben der Juden schildern? Warum schweigt er von ihrer Häuslichkeit und ihren Festen, von ihrer Litteratur und Poesie? Er bringt vier Abbildungen von jüdischen Dieben. Warum baut er hier die lÄejchichte der Sitte auf der ihrer Übertretungen auf? Warum schweigt er, wenn er schon von den Verbrechern unter den Juden so weitläufig handelt, von alledem, was in jenen Zeiten das deutsche Voll' verbrochen hat, von den Fürsten, die damals ihre Untertanen m englischen Kriegsdienst verschacherten, bis herab zum Schinderhannes und zum bayerrschen Hiesel? Die Antwort ist einfach. Liebe wollte die Judenmörder der verflossenen Jahrhunderte um jeden Preis retten.