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Im deutschen Reich · 1904-06-01 · Heft 6 (Juni 1904) · p. 316

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 6 (Juni 1904)
Article
Zur Geschichte der Aufnahme von Juden in die deutschen Burschenschaften
Date
1904-06-01
Page
316 (sequence 4)
Language
German
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316 Im deutschen Reich. Vorneweg möchte ich feststellen, daß meines Wissens niemals auf den Delegiertentagen der deutschen Burschenschaften (dieselben tagen jährlich zu Pfingsten in Eisenach, die Beschlüsse sind bindend für alle deulschen Bmschenfchafien) ein Beschluß gefaßt worden ist, Juden von der Mitgliedschaft deutscher Burschenschaften auSzuschließen. Ich will nicht bestreiten, daß einige Burschenschaften in ihren Statuten derartige Benin,munaen haben, aber ein offizieller, für sämtliebeBmschenschasten bindender Beschluß ist meines Wissens niemals gefaßt worden. In meiner Siudienz it, anfangs der 80er Jahre, wu de beim „Keilen" überhaupt nicht gefragt, welcher Religion man angehöre. Damals war genau nach sozialdemokratijchem Brauch Religion Privatfache. Ein anständiger, brauchbarer und tympaihischer Ge'elle wurde mit Vergnügen ausgenommen, nicht nur von den Buifchenschaften, sondern ebenso von den Korps, Turnvereinen, wissenschaftlichen und geselligen okademischen Korporationen. Mit wenigen Ausnahmen haben sämtliche zur Zeit noch bestehende Burschenlchaften damals und auch in Len 60er und 70er Jahren Juden zu Mitgliedern gehabt, und im Verzeichnis der alten Burschenschafter nach dem Stande vom August 1803 (Leipzig, Verlag von Heinrich Jacobsen) findet sich eine ganze Reihe altiestamentarischer Namen. Die jüdi'chen Bursch, nschaiter von damals haben auf der Kneipe, im Konvent, wie auf der Mensur ihren Mann gestanden, und die bundesbrüderliche Freundschaft von der Hochschule bat bei den meisten für das Leben gehalten. E>st mit der Gründung der „Vereine deutscher Studenten" trat allmähich ein Umschwung ein. Die Vereine deutscher Studenten waren die ersten Korporationen in einem geschlossenen Verbände, welche von vornherein pnnzipiell Juden ausschlossen (ausgenommen Verbände wie Wmgolf; katholische Korporationen, die als rein chiistliche natürlich Juden nickt aufnahmen, denen aber jede antisemitische Spitze fehlte). Diese Vereine deutscher Studenten breiteten sich rasch auf den deutschen Hochschulen aus; sie wuiden von oben herab, von vielen hochgestellte» Offizieren, Beamten, Hofpredigern u. dergl. sehr protegiert und verstanden es, in geschickter Weise durch Veranstaltungen bei vaterländischen Festen, durch Einberufung allgemeiner Studentenversammlungen und nicht zuletzt durch ihre große Milgliederzahl schnell sich eine nicht abzuleügnende Stellung in der Studentenschaft zu schaffen. Ihre Prmzipien und ihre Ei folge machte» schnell Schule. Don dieser Zeit bis heute hat sich so allmählich eine Hurrahstimmung unserer gesamte« deutschen Studentenschaft bemächtigt, die nicht nur in der Zudenfrage, sondern auch in politischer und sozialer Beziehung zum schärfsten Chauvinismus ansgeartet ist.

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