Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-05-01
- Page
- 288 (sequence 13)
- Language
- German
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288 Im deutschen Reich. Juden' auS Anlaß des ablehnenden Bescheides auf das Immediatgesuch Bruhns schreibt, zeigt deutlich, was von der angeblichen monarchischen Gesinnung der deutschen Antisemiten und von der deutsch-freundlichen Gesinnung ihrer österreichischen Parteigenossen zu halten ist, welche dem Bundesgenossen ihres Kaisers mit Drohungen entgegentreten, die hoffentlich das Gegenteil von dem bewirken werden, was sie bewirken sollen. Ein Hohenzollcr beugt sich vor solchem Terrorismus nicht; die rückgratstarken unabhängigen Männer, die „mit oder gegen die Regierung den Kampf aufzunehmen" drohen, werden es sicher mit einer „rückgratstarken, unabhängigen' Regierung zu tun haben. Wenn das Wiener Blatt aber die Stadt Breslau im voraus dazu beglückwünscht, daß sie auf dem besten Wege sei, ein zweites Wien zu werden und in ihre Gemeindcstubc .ein Regime ü la Lueger treten zu lasien", so vergißt das „Deutsche Blatt", daß es sich hier nicht um Wiener Phäaken handelt und man in Deutschland zwar einen Graf Pückler Brandreden halten läßt, aber doch dafür sorgt, daß die Sumpfpflanzen nicht in den Himmel wachsen. Die antisemitischen Alldeutschen in Oesterreich mögen aber aus den Beschlüffen des Berliner deutschen Turnertages die Lehre ziehen, daß das bedauerlicherweise von den mächtig emporstrebenden jlavischcn Völkerschaften hart bedrängte Deutschtum vollständig den Ast zersägt, auf dem es sitzt, daß es den Rückhalt bei den Reichsdeutschen vollständig verliert, wenn es aus borniertem Judenhaß die bisherige rassenantisemilische Richtung weiter verfolgt. Ihre durch das Polentum und Czechentum sich beständig verschlimmernde Lage läßt sich nur dadurch erträglich gestalten, daß sie zu den Traditionen zurückkehren, die in dem Arndt'schen Satze gipfeln „das ganze Deutschland soll es sein!" Zu dem ganzen Deutschland gehören aber zweifellos auch die deutschen und die deutschgesinnten Staatsbürger jüdischen Glaubens. Wenn auf dem zum 29. Mai nach Wien einberufenen Kreisturntage die endgültige Entscheidung über die künftige Stellung der deutschen Turnerschast Oesterreichs zur allgemeinen deutschen Turnerschaft nicht in diesem Sinne ausfällt, so würden vielleicht Wien und andere österreichische Städte weit eher ein czechisches Regime „A la Wenzel" als Breslau ein antisemitisches ä la Lueger erhalten. Die Rot lehrt beten, aber weise ist es immer, menschlich zu handeln, ohne eine Notlage abzuwarten, ehe man Recht Recht bleiben läßt, und nicht etwa nur so lange recht zu handeln, als die schwere Zeit der Not dauert. Die „Frankfurter Zeitung" hat kürzlich von einem vertraulichen Erlaffe des russischen Ministers des Innern von Plehwe Kenntnis erhalten, in dem unter Hinweis auf die offen