Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-05-01
- Page
- 285 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 285 provisorisch in die Lasche steckt, wird wegen einer HandvoÜ nach Rußland reisender deutscher Juden weder die Vorteile eines deutschrussischen Handelsvertrages noch das deutsche Kapital und den deutschen diplomatischen Einfluß verscherzen wollen, — wenn nicht die deutschen Konservativen ihrer Regierung das Konzept verderben! Die deutschen Politiker freilich, welche auch bei uns unter dem täuschenden Deckmantel des Absolutismus eine Prätorianer-, Satrapen^ und Pcpenherrschafl einführen möchten, würden lieber den Handelsvertrag scheitern als das Zarenreich auf den traurigen Ruf der Judenbedrückung verzichten sehen. Sie jammern zwar darüber, daß durch die Aufhebung des tz 2 des Jesuitengesetzes eine Bresche in die ihnen so wertvolle „Ausnahmegesetzgebung" gelegt wird, aber sie entblöden sich nicht, der Reichsregierung den jesuitischen Rat zu erteilen, ja nicht etwa wie die charaktervollen echtnationalgesinnten Amerikaner von Rußland die gleichmäßige Behandlung aller Bürger aller Konfession zu fordern, sondern sich das Recht zu sichern, die jüdischen Reisenden aus Rußland ebenso zu behandeln, wie die nachRußland reisenden deutschen Juden behandeltwerden. So weit geht der fromme „Reichsbote" allerdings nicht, aber er meint, die mitRußland in geschäftlichen Beziehungen stehenden Kaufleute, könnten ja tausenden von christlichen Geschäftsreisenden die Vertretung ihrer Interessen übertragen. Daß jeder „Njemetz", jeder deutsche Protestant, bei dem Stockrussen auf dasselbe Vorurteil stößt wie der „Hebräer", daß der Rusie mit den in Ostpreußen ansässigen russischen Juden weit lieber Handelsgeschäfte macht, ist dem „Reichsboten" vielleicht unbekannt, aber die niemals ganz verstummten Klagen der protestantischen Geistlichen in den Ostseeprovinzen über den griechisch-katholischen Fanatismus und die Russisizierung der deutschen Universität Dorpat sollten dem protestantischen „Reichsboten" genau bekannt sein. Vor dem Berliner Schloß stehen zwei von Rußland geschenkte Statuen, welche Rossebändiger darsteüen: der eine „hemmt den Fortschritt", der andere „bewirkt den Rückschritt". Für diese geschichtliche russische Ein- Wirkung sind unsere deutschen Reaktionäre so dankbar, daß sie darüber das Schicksal der evangelischen Geistlichen in Rußland vergessen und es verwinden würden, wenn der auf viele Millionen geschätzte deutsche Handel mit Rußland durch die Ungeschicklichkeit „deutsch-nationaler" Handlungsgehilfen der französischen und englischen Konkurrenz vollständig anheimfiele. Bei den Konservativen mit dem „Tivoli» Programm" und bei den Antisemiten strengster Observanz rangiert unverkennbar das Parteiinteresse vor dem Staatsinteresse, obgleich sie dies immer geltend machen, um jenes zu fördern und nebenbei ihrem