Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-05-01
- Page
- 284 (sequence 9)
- Language
- German
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Hm deutschen Reich 284 der.' Präsident der Vereinigten Staaten diesem Anträge entspricht, dann ist in einer großen Frage nicht „Deutschland", sondern „Amerika der Welt voran." Die Verlegenheits-Phrase des judenfeindlichen Teils der deutschen Presse, daß der Beschluß des Unterhauses nur mit Rücksicht auf die bevorstehende Präsidentenwahl erfolgt sei und nach dieser Wahl die Stimmung in Amerika Umschlägen werde, kann das deutsche Auswärtige Amt kaum beeinflussen; denn es ist genau darüber orientiert, daß man in Washington seit der Kifchmew-Affaire über die Behandlung amerikanischer Vorstellungen durch das Petersburger Kabinet empört und entschlossen ist, diesem Kabinet zu beweisen, daß es in Kulturstaaten ein Fremdenrecht gibt, gegen welches sich auch der"„Riese mit den tönernen Füßen" nicht auf- Lehnen dars. Daß die preußischen Konservativen im deutschen Reichstage der auch von dem freisinnigen Abg. Gothein unterstützten Anregung der Abgg. Kämpf und Pr. Müller-Sagau gegenüber eine nichts weniger als deutsch-nationale Haltung bewahrten, ist nur teilweise ihrer Verquickung mit antisemitischen Elementen, weit mehr aber wohl ihrem traditionellen Respekt vor dem russischen Absolutismus zuzuschreiben. Selbst der freikonservative Abg. v. Kardorff, der es als wünschenswert bezeichnete, daß die deutschen Kaufleute Ln Rußland ferner nicht mehr den die russischen Juden bedrückenden Gesetzen unterworfen bleiben, glaubte daran erinnern zu müssen,- daß bereits Fürst Bismarck eine Aenderuug in dieser Beziehung als aussichtslos bezeichnet habe. Daß Kardorff hinzufügte, auch er lege dem Abschluß eines neuen Handelsvertrages mit Rußland keinen Wert bei, wurde fast allseilig nur als Scherz aufgefaßt; denn die Reichsregierung legt Wert auf das Zustandekommen eines neuen Vertrages mit Rußland und weiß genau, daß dies auch seitens des Petersburger Kabinets geschieht, das jetzt, wo es über den Wert der französischen Bundesgenoffenschast deutlich genug belehrt worden ist, allen Grund hat, auf Deutschland die größten Rücksichten zu nehmen. Wir leben nicht mehr in jener Zeit, wo man in Preußen den Kaiser Nikolaus als den Vater des Vaterlandes pries, auch nicht mehr unter dem Druck jener politischen Verhältnisse, welche den staatsklugen Fürsten Bismarck veranlaßten, „russische Eigentümlichkeiten" zu schonen, um das deutsche Reich vor der Notwendigkeit einer Verteidigung nach zwei Fronten hin zu bewahren. Der" russische Kredit in Frankreich ist erschöpft; der französische Freistaat sucht eine Anlehnung an England und Italien, und der russische Minister von Plehwe, der selbst den ruffischen Juden gegenüber zur Zeit den Antisemitismus wenigstens