Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-05-01
- Page
- 279 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 279 ist für die krasse Beleidigung eines Beamten billigen Kaufes genug davongekommen, da er, wie er selbst in seiner Verteidigung seltsamer Weise geltend machte, schon vorher sechszehn Mal auf der Anklagebank gesessen hatte. Wie weit der Bruder eines Hofmarschalls Grund hat, sich über die „Höflinge" zu beklagen, entzieht sich unserer Kenntnis; ebensowenig wissen wir, ob den „Staatsmännern" seine vor dem Gerichtshöfe in Glogau ausgestoßene Drohung, ferne zeitweilige Verhaftung schaffe mindestens 100 000 Reichsfeinde und er stehe nun der Regierung feindlich gegenüber, sonderlich Angst einflöhen wird. Er hat nach seiner Rückkehr aus Glogau in einem Bortrage über „die Totengräber von Berlin" seine Drohungen mit den Worten wiederholt: „Mit blitzendem Schwert stehe ich der Regierung gegenüber. Als ich in dem Judenloch Glogau saA da sah ich im Geiste meine roten Brüder in Berlin im wilden Kampfe mit dem Judentum, ich sah schließlich das internationale Judentum vernichtet und zerschmettert am Boden liegen. Hoffen wir, daß das Traumbild zur Wahrheit wird." Der antisemitische Graf wirbt also offenbar um die Bundesgencssenschaft der „roten Brüder" und hofft aus den Sozialdemokraten — Anarchisten zu machen. Dasselbe träumen vielleicht auch andere Antifemitenführer; da sie keine Grafen sind, erzählen sie aber vorsichtiger Weise solche Träume nicht öffentlich. Schließlich hat Gras Pückler dabei auch nur offen bekannt, was jedem erleuchteten Staatsmann schon vorher hätte klar fein muffen, denn die ganze antisemitische Strömung ist nur oberflächlich judenfeindlich, im Grunde aber eine ganz intensiv kultur- und staatsfeindliche Bewegung, die Ln blinder Wut zum Anarchismus drängt! Es zeugt von einer Liefen Verkennung der politischen Verhältnisse, wenn heutzutage noch Staatsmänner glauben, diese krypto-anarchistische Strömung benutzen zu können, um die offenen Anarchisten unschädlich zu machen. Was kulturwidrig ist, kann nie dem Staats- Wesen förderlich sein; Leute, welche eine halbe Million deutscher Staatsbürger wegen ihrer religiösen Ueberzeugung ihrer bürgerlichen Rechte berauben und zu Sklaven erniedrigen wollen, haben kein Recht darauf, sich als die Verteidiger der „nationalen Ehre" der Deutschen aufzuspielen. In derselben Versammlung, welche der Lehrer Berg-Heinersdorf leitete, hat der antisemitische Reichstags- Abgeordnete Böckler den freisinnigen Abz. Eickhoff öffentlich aufgefordert, die, wie Böckler meint, erst nach dem Tode Kaiser Friedrichs aufgebrachte Behauptung zu beweisen, Kaiser Friedrich habe den Antisemitismus „eine Schmach des Jahrhunderts" genannt.