Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. 277

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1904-05-01
Page
277 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316714-2316720--12431-2333325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 277 eine Entschließung der Krone bei Ausübung des Begnadigungsrechtes verwertet worden. Die Dreistigkeit ist so groß, daß selbst ein sozialdemokratisches Blatt, dem die ,Staatsb.-Ztg." bekanntlich häufig jede Spur von nationalem Empfinden abgefprochen hat, sich zu der Aeußerung veranlaßt fühlt: „Ein Glück für Deutschland, daß sein Bestand nicht von der Gunst jener sich national nennenden Mannesseelen abhängig ist, die ihren Patriotismus gleich alten Hosen anpreisen und flennen, wenn das Geschäft einmal nicht nach Wunsch geht." Bei der im Oktober v. I. wegen Beleidigung der Konitzer richterlichen Behörden erfolgten Verurteilung Wilhelm Bruhns waren wahrscheinlich dieselben Gründe maßgebend, welche die 4. Strafkammer des Berliner Landgerichts I am 23. April d. I. veranlaßten, den Redakteur der „Staalsb.-Ztg.", Erich Kammer, mit 3 Monaten Gefängnis wegen Beleidigung des Amtsrichters Lieber zu bestrafen: „Das Gericht hat, da ein pflichttreuer Beamter ohne jeden Anlaß vor der Oeffentlichkeit an den Pranger gestellt ist, wie man es sich schlimmer nicht denken kann, eine Geldstrafe nicht für die genügende Sühne erachten können." Es ist eben in einem geordneten Staate nicht zu dulden, daß „ohne jeden Anlaß" die Wächter von Gesetz und Ordnung verdächtigt und beschimpft werden, daß zu Parteizwccken die Achtung vor der Obrigkeit systematisch untergraben und behördliche Organe nur deshalb, weil sie sich nicht willig der Schreckensherrschaft der grundsätzlichen Judenfeinde feiglings fügen, als „bezahlte Judenknechte" hingcstellt oder in irgend einer anderen Weise m der öffentlichen Meinung herabgesetzt werden. Werden die antisemitischen Wortführer daran gehindert, dann behaupten sie sofort, daß es nur „den Juden zu Liebe" geschieht. Graf Pückler, der sich gewiß der weitgehendsten Redefreiheit erfreut, hat es gewagt, am 20. April in einem Vorträge über „Die Juden, die Könige der Zeit" öffentlich zu sagen: „Kaiser Wilhelm hat vor einigen Tagen das Gnadengesuch unseres Wilhelm Bcuhn abgelehnt. Damit hat er dem Judentum eine große Freude bereitet. Mir kann das egal sein. Wenn das deutsche Vaterland zusammenbricht, dann sind vor allen Dingen diejenigen daran schuld, die zu feige sind, dem Kaiser die Wahrheit zu sagen. Das sind die sogenannten Revolulionskanaillen, die zuerst an den Laternen baumeln werden, wenn's los geht." Offenbar ist der ehemalige Amtsvorsteher von Klein - Tschirne über die Stimmung in jüdischen Kreisen sehr schlecht unterrichtet. Uns kann es als Juden auch „egal sein", ob Wilhelm Bruhn einige Tage früher oder später von Tegel nach Berlin zurückkehrt, aber wir sind nicht nur Juden, sondern auch deutsche Staatsbürger, deshalb

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.