Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-05-01
- Page
- 276 (sequence 1)
- Language
- German
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276 Im deutschen Reich. Umschau. ein „Wettersignal für den deutschen Antisemitismus" ©«p hat die „Staatsbürger-Zeitung* den Entschluß des Kaisers bezeichnet, das Gesuch Wilhelm Bruhns, ihm den Rest seiner halbjährigen Gefängnisstrafe im Gnadenwege zu erlassen, abzulehnen und ein von den Vorständen der Berliner konservativen Vereine zu Gunsten Bruhns eingereichtes Gesuch zurückzuweisen. Das Antisemitenblatt jammert in einem zweiundeinehalbe Spalten langen Leitartikel über diese Entscheidung, die es selbst als einen Akt der persönlichen Willensmeinung des Monarchen hinstellt, weil nach ihrer Meinung die Ablehnung trotz der Befürwortung des Brnhnschen Gesuches durch den Justrzminister Pr. Schönstedt erfolgt sei. Da sich kaum annehmen läßt, daß der Jufiizminister der „Staatsb.-Ztg." von seiner etwaigen Befürwortung höflichst Meldung gemacht habe, könnte das Antisemitenblatt nur durch einen Vertrauensbruch von dem ministeriellen Bericht an den Kaiser Kenntnis erhalten haben. Es steht aber noch ebensowenig fest, daß in diesem Falle ein ministerieller Bericht eingefordert wurde, wie daß dieser für den Herausgeber der „Staatsb.- Ztg." günstig lautete; vielmehr ist eine Flunkerei hierbei um so wahrscheinlicher, als in demselben Artikel schlankweg gesagt wird, daß Bruhn im Oktober 1902 wegen seiner Anfeindung der Konitzer Juden zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden sei, während tatsächlich die Verurteilung wegen unqualifizierbarer Angriffe auf die Konitzer Untersuchungsbehörden erfolgte. Das Blatt, welches sich stets als streng monarchisch gesinnt bezeichnet, geht aber in seiner Berbiffenheit sogar so weit, dem Kaiser vorzuwerfen, er habe durch seine Entscheidung bekundet und bekunden wollen, daß er zur Zeit nicht gewillt sei, mit den Parteien zu gehen, die sich als national bezeichnen, sondern daß ihm der Börsenliberalismus und das Zentrum zum Zweck der Förderung seiner besonderen Pläne, die (wie boshasterweise hinzugefügt wird) uns glücklicheren Zeiten entgegenführen sollen, lieber seien. Respektwidriger als in diesem demagogischen Versuche, den Landesherrn zu dem nationalen Empfinden in Gegensatz zu bringen, ist wohl noch nie vorher für politische Parteizwecke