Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-05-01
- Page
- 272 (sequence 5)
- Language
- German
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272 Im deutschen Reich. Kraft und hinreißendes Temperament." Genaueste Bibelkunde von der dürftigen Jugendzeit an und die innige Freundschaft und der rege Gedankenaustausch mit Ludwig August Frankl, seinem späteren Biographen, befähigten Hebbel hervorragend, altjüdisches Volksleben zu zeichnen; wie wäre die Macht des Tempels über die Gemüter treffender zu künden, als in der Schilderung des Tempels durch den Moabiterhauptmann Achter „mir war's, wie ich bewundernd vor ihm stand, als ob sich mir etwas auf den Nacken legte und mich zu Boden drückte. Ich lag mit einem Male auf den Knien und wußte selbst nicht, wie das kam." Im Beginn des zweiten Aktes erfahren wir aus dem Zwiegespräch der Judith mit ihrer Magd Mirza, wie beim Eingehen einer Ehe nur des Vaters Wille bestimmte. „Das Weib ist ein Nichts — nur durch den Mann kann sie etwas werden; sie kann Mutter durch ihn werden" spricht sie später und kennzeichnet damit die Stellung der jüdischen Frau. Im Zwiegespräche zwischen dem uralten Greis Samuel und seinem Enkel erfahren wir die jüdische Ehrfurcht vor dem grauen Haupte; aus den Volksszenen klingt der unerschütterliche G.aube an Gottes Allmacht und Güte wieder, und den Zweifler Affad steinigt das Volk auf den Ruf des von dreißigjähriger Stummheit plötzlich geheilten Daniel — „wehe! wehe! Der Geist des Herrn spricht aus des Stummen Mund. Steinigt mich!" schreit Affad selbst auf. Fromm beachtet auch im Zelte des Holofernes Judith die Speisegesetze, und während sie dort weilt, verläßt auch die Einwohner Bethnliens das Gottvertrauen nicht. „Priester sieht man stumm und ernsthaft durch die Gassen schleichen. Lange, weiße Gewänder, wie bei uns die Toten tragen. Hohle Augen, die den Himmel zu durchbohren suchen, Krampf in den Fingern, wenn sie die Hände falten" — so schildert der Hauptmann seinem Feldherrn das verzweifelnde jüdische Volk! Hat es nicht Jahrhunderte also gelebt und gelitten? Aus Frankls Freundeskreis beschäftigte sich .noch ein anderer mit den'Juden, Grillparzer." Um in Der zeitlichen Reihenfolge zu bleiben, muffen wir zuerst seine „Esther" erwähnen, leider nur ein Fragment, aber in Anlage und Ausführung so meisterhaft, daß es in der Aufführung der Meininger 75 mal das Publikum entzücken konnte! Wir erfahren nur, daß der König die Königin Vasthi verbannt hat und Haman den König zu einer neuen Ehe zwingen will; zürnend -schickt er die zur Wahl versammelten Töchter seines Landes fort, als fein Blick auf die allein noch zurückgebliebene Esther fällt. In einem köstlichen Zwiegespräch erkennt der König die Vorzüge Esthers und erhebt sie aus freiem Antrieb zur Königin; die grollende Hofpartci