Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-05-01
- Page
- 271 (sequence 4)
- Language
- German
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Der Jude im deutschen Drama. 271 beständig sein?", so muß er jetzt bekennen, daß nicht alles eitel ist, daß es Ew'ges gibt im Wandelbaren: „Die Liebe, die da stärker als der Tod", und von neuem lernt er: „Fremder Weisheit sich neidlos freu'n, ist aller Weisheit Krone." Vier Jahrhunderte müssen wir nun überspringen, um wieder in der jüdischen Geschichte einen dramatisch verarbeiteten Stoffen erreichen und uns zurückzuversetzen in die Zeiten des Aflvrerkönigs Nebucadnezar, der 586 vor Chr. Jerusalem zerstörte. Sein sieggewohnter Feldherr Holofernes, dessen Erscheinen einen Schrecken verbreitete, wie später zu Romerzeiten der Verzweiflungsschrei ttannibal ante portas, lagerte vor der Hebräerstadt Bethulien, der er Untergang und Verderben geschworen hatte; schon ist in der Stadt die Not auf das Höchste gestiegen, schon ist man willens, auf Gnade und Ungnade sich der rohen Soldateska zu überliefern, da erscheint in einem Weib aus dem Volk die Retterin! Judith geht, Liebe heuchelnd, in das Zelt des Holofernes, und sie vollendet es, „den Holofernes töten; auslöschen den Blitz, der mit dem Weltbrande droht" wie der geniale Dichter des Dramas, Friedrich Hebbel, ihn selbst prahlend sagen läßt! Und „nun Holofernes kopflos ist, sind sie's alle" ruft der um Judith werbende Ephraim den Priestern und Aeltesten, wie dem ganzen Volke zu. Mit ihrer Frauenehre hat Judith die Stadt gerettet, und der Jubel ihres Volks klingt ihr wie Spott. „Wenn das Opfer verröchelnd am. Altar niederftürzt" fragt sie den Priester „quält ihr's mit der Frage, welchen Preis es auf sein Blut und Leben setzt?" Als Lohn heischt sie, daß man sie töte, wenn sie es begehre. Alle rufen entsetzt „Dich töten?" „Ja, und ich Hab' Euer Wort!" antwortet Judith, um mit dem Bekenntnis das Drama zu schließen. „Ich will dem Holofernes keinen Sohn gebären! Bete zu Gott, daß mein Schooß unfruchtbar sei! Vielleicht ist er mir gnädig." Hebbel soll dies gewaltige Drama, angeregt durch den eben erschienenen „König Saul" Gutzkows und in der bestimmten Absicht, es zu übertreffen, entworfen haben und hat schon im Oktober 1839 seine Arbeit begonnen, um sie Ende Januar 1840 zu vollenden; noch im gleichen Jahre erlebte es seine Aufführung in Berlin und in Hamburg. „Ein Anfänger trat auf", urteilt Richard Werner, „sein Werk aber bewies eine merkwürdige Reife, mit der sich von den damaligen Dramatikern kaum einer messen durfte. Auch in den Ungewöhnlichkeiten und Absonderlichkeiten äußerte sich imponierende