Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 244 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316719--12378-2333227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
244 Im deutschen Reich. Bezug auf das deutsche Volkslied, die Ludwig BörneS in Bezug auf die Wucht der deutschen Prosa im politischen Kampfe, die Berthold Auerbachs auf Eröffnung einer neuen volkstümlichen Gattung für die Romandichtung durch die Dorfgeschichte, die Fanny Lewalds als Dorkämpferin einer sich in den richtigen Grenzen haltenden Frauenemanzipation. Er streifte die Leistungen Hieronymus Lorms, Karl Becks und Moritz Hartmanns auf dem Gebiete der Freiheitslyrik und versagte es sich nur mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Zeit, auf den großen Anteil cinzugehen, den noch viele andere Juden an der Ent- Wickelung der deutschen Literatur in den letzten Jahrzehnten genommen haben. Am Schluffe des Vortrages kam der Redner nochmals auf Heine und Börne zurück, um zu betonen, daß beide und insbesondere der letztere, obgleich jetzt von vielen sogenannten „Nationalen" als undeutsch verleumdet, in Wahrheit echte deutsche Patrioten gewesen seien, die nur mitunter etwas Bitteres über Deutschland gesagt, weil sie an ihr Vaterland die höchsten Anforderungen stellen zu können meinten. Börne habe es als Glück bezeichnet, Deutscher und Jude zu sein, will er als unterdrückter Jude gelernt habe, die Freiheit zu schätzen, die Möglichkeit hatte, sich alle Vorzüge der Deutschen anzueignen, ohne ihre Fehler nachzuahmen, weil er aus engem Ghetto heraus die Fähigkeit gewonnen habe, nach einem gesamten, großen, einigen deutschen Vaterland zu streben. In demselben Sinne sind auch wir Juden und wollen es sein, sind wir Deutsche und lassen uns unfern Anspruch auf das Vaterland nicht rauben. — Minutenlanger, sich mehrfach wiederholender Beifall belohnte den Redner am Schluffe des Vortrages, worauf der Vorsitzende die Versammlung veranlaßte, ihrem Danke duich Erheben von den Sitzen nockmaligen Ausdruck zu geben. — Den näckstcn Teil der Tagesordnung bildeten die geschäftlichen Mitteilungen. Herr v.r. Horwitz erwähnte zunächst die in letzter Zeit in Siettin und in der Berliner Gruppe S.W. stattgehabten Vereinsvcrsammlungcn und beschäftigte sich dann mit der Art, wie ein Teil der Tagespreffe sich in irriger Weise über die Vcreinstätigkcit geäußert hat. So sei es falsch, daß gegen die „Deutsche Hochwacht" Strafantrag gestellt worden sei; es ist nur den Behörden die Nummer, in der auf kraffeste Weise Boykott gegen die Juden empfohlen wurde, ohne jeden Antrag zur Kenntnisnahme übermittelt worden. Daß die Be» Hörden es für ihre Pflicht ansehen, gegen solche Ausschreitungen ohne besonderes Ersuchen vorzugehen, sei jedenfalls erfreulich. Daß der „Vorwärts", der selbst mißliebige Arbeitgeber zu boykottierenkein Bedenken trägt, sogar an die „anständigen Juden" appelliert, um uns an einem Verfahren zu hindern, daß wir für durchaus „anständig" halten,