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Im deutschen Reich · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. 224

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1904-04-01
Page
224 (sequence 10)
Language
German
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224 Im deutschen Reich. Fürstbischof von Olmütz, Dr. Kohn, hat sich trotz feiner vollständigen Rechtfertigung in Rom gezwungen gesehen, seine Demission einzureichen, weil der österreichische Hochadel es dem tüchtigen Pfarrer und Domherrn nicht vergeben konnte, daß er als Enkel eines jüdischen Handelsmanns sich bei hoher Bildung und einem Jahreseinkommen von 1 300 000 Kronen den vornehmsten Aristokraten Oesterreichs glcichzusteüen versuchte. Je höher die Zahl der Taufen in Oesterreich steigt, desto mehr gestaltet sich das neuzeitliche „Maranentum" zu einem Stmmbock zwischen den Christen und den Juden. Die Zeit ist vielleicht garnicht mehr fern, wo in Oesterreich und in Deutschland die Abneigung gegen solche Männer, die sich von ihren zurückgesetzten Glaubensgenossen lossagten, um Beförderung zu erlangen, die ihnen als Juden vorher versagt blieb, dahin führt, den Wert jener Leute höher zu schätzen, die lieber ihrem Daterlande ohne jede Aussicht auf Lohn und Anerkennung dienen, als diese durch Verleugnung ihrer religiösen Ueberzeugung und Lösung aller Familienbande teuer zu erkaufen. Ein solcher Kulturfortschritt läßt sich nicht dekretieren, aber er läßt sich auch nicht aufhalten. Tausendjährige Vorurteile sind nicht in wenigen Jahrzehnten zu tilgen und selbst von sehr wackeren und freisinnigen Männern gilt das Wort Lessings: „Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten". In Deutschland wird sobald kein Jude Offizier des Generalstabs werden, trotzdem gerade dafür mancher die vorzüglichste Begabung besäße. In dem französischen Freistaat gehörte Alfred Dreyfus dem Generalstabe an und es. bedurfte erst eines Gnadenaktes des Staatsoberhauptes, um ihm nach fünfjährigem Aufenthalt auf der Teufelsinsel zu einem förmlichen Freispruch zu verhelfen. Nach Verlauf von mehr als neun Jahren hat aber jetzt erst für ihn die Stunde der Rechtfertigung geschlagen; die Revision seines Prozesses überrascht aber niemand mehr; selbst die Nationalisten wagen es kaum noch zu bezweifeln, daß der jüdische Kapitän Dreyfus ein Verbrechen büßen mußte, das andere begangen haben, von denen kein Antisemit zugegeben oder auch nur geahnt hätte, daß „sie die Front verunzieren". Dieser Tage erst schied hochbetagt ein hoher französischer Offizier aus dem Leben, der niemals sein jüdisches Religionsbekenntnis verleugnete, der frühere Divistonsgeneral See. Im Jahre 1802 in Bergheim bei Rappoltsweiler geboren, trat er früh -in die Armee ein, zeichnete sich als Leutnant im Krimkrteg bei' der Erstürmung des Malakoff aus, wurde dafür zum Ritter der Ehrenlegion ernannt und nahm als Oberst am Kriege von 1870/71 teil. Mit Bazaine in Metz gefangen, entkam er über Belgien nach Frankreich und machte dann den weiteren

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