Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 220 (sequence 6)
- Language
- German
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220 Im deutschen Reich. es mit einem Unzurechnungsfähigen zu tun hätte, die schrankenlose Freiheit, die man ihm gewährt — mindestens unvorsichtig ist. Der Antisemitismus ist ein zweischneidiges Schwert; wer sich damit verteidigen will, wird leicht sich selbst verwunden. Die Gassenbuben, denen die Kolporteure Pücklers seine Reden in die Hand drücken, amüsieren sich jetzt schon darüber vielleicht mehr, daß den „Regierungsmännern die Schwarte knacken soll" als daß die Arbeiter seine Freunde werden können, wenn sie auf die Juden dreschen. Aber diese Buben werden mit der Zeit Männer, denen dann die Achtung vor Gesetz und Obrigkeit durch die gräfliche Andeutung abhanden gekommen ist. Auch die ersten Anregungen zur französischen Revolution sind nicht aus den ärmsten Schichten der Bevölkerung hervorgegangen, sondern von Edelleuten oder Priestern, die mit dem herrschenden System unzufrieden waren! Ein solcher Geistlicher, der frühere Pfarrer in Kloxin und jetzige Reichstagsabgeordnete Krösell war es, dem anfangs Juli 1903 in einem Artikel der „Kreuz-Zeitung" „schamlose Hetzereien" und „wüste Agitation" zur Last gelegt wurden. Wegen dieses Artikels ist am 23. März d. Js. der Chefredakteur der „Kreuz-Zeitung", Professor Dr. Kropatschek, von dem Berliner Schöffengericht zu 300 Mk. Geldstrafe verurteilt worden. In jenem Artikel wurde behauptet, der Wahlkreis Pyritz, der seit vielen Jahren im Besitze der Konservativen gewesen, sei diesen nur dadurch entrissen worden, daß Krösell die Agitation in schamloser, hetzerischer Weise betrieben, dem Volke Versprechungen gemacht habe, an deren Erfüllung nicht zu denken sei, selbst mit den Sozialdemokraten geliebäugelt, ihnen die Hand gedrückt habe u. s. w. Auf Grund dieser Behauptungen strengte Pfarrer Krösell die Beleidigungsklage an und erzielte den Erfolg, daß der Gerichtshof die in dem Artikel enthaltenen scharfen Ausdrücke als beleidigend und die Absscht der Beleidigung als vorliegend erachtete. Zu einer gewissen Zeit haben die Kreuz-Zeitungs-Männer geglaubt, in antisemitischen Leuten wie Krösell und Genossen nützliche Werkzeuge erblicken zu können; sie haben bei der wilden Mandatsjagd reichlich Gelegenheit gehabt, die Gefährlichkeit solcher „Werkzeuge" kennen zu lernen, aber immer wieder greifen sie mit Vorliebe nach solchen „Werkzeugen" wie Krösell, Raab und Zimmermann und verletzen sich die Finger. Daß jetzt auch Graf Pückler mit den Sozialdemokraten zu liebäugeln beginnt und sich danach sehnt, Herrn Bebel die Hand zu drücken, müßte ihnen doch die Augen öffnen, wenn sie nicht" der Judenhaß blind machte! Ob Pücklers Fraternisieren mit den Sozialdemokraten, zum Zweck „die Herren der