Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1904-04-01 · Heft 4 (April 1904) · p. 217

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 4 (April 1904)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1904-04-01
Page
217 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316714-2316719--12335-2333200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 2l7 selten einen dauernden Erfolg zeitigen. Ich mißbillige und hasse jede Unduldsamkeit, auch wenn sie glaubt, daß sie alles geistige Leben gepachtet habe, und jeden verdammt, der einer andern Wissenschaft huldigt. Und diese Unduldsamkeit findet sich nun bei denjenigen, die festhalten an der christlichen Religion. Von allen Seiten ist geklagt worden über die Kämpfe zwischen den Konfessionen. Ich habe mehr als einmal von dieser Stelle darauf hingewiesen, daß unter den Konfessionen und zwischen den Konfessionen und dem Staat grundsätzliche Gegensätze bestehen, die wir nie werden beilegen können. Aber wir müssen trachten, auf praktischem Gebiet zu einem friedlichen Nebeneinanderleben zu kommen.-— Das deutsche Volk ist schon so zerklüftet, daß wir, soweit es möglich ist, alles, was uns trennt, aus dem Wege räumen müssen, auch wenn es nicht ohne Opfer an der Rechthaberei abgeht." Wenn man solche Worte hört, dann meint man mit Goethe, „es müsse sich dabei doch auch etwas denken lassen": man meint, drr Wunsch, ein friedliches Nebeneinanderleben der Bekenner verschiedener Religionen ließe sich ziemlich leicht erfüllen, wenn die maßgebenden Kreise sich nicht damit begnügten, die Unduldsamkeit zu mißbilligen, sondern Festigkeit genug besäßen, jeden energisch zurechtzuweisen, der unnützen Streit entfacht und die konfessionellen Gegensätze systematisch verschärft, wenn die Regierung selbst es wirklich für ihre erste Pflicht hielte, Bedrohungen der Gewissensfreiheit zu verhindern. Wir denken selbstverständlich nicht daran, Ausnahmegesetze gegen die antisemitischen Landfriedenobrecher herbeizuwünschen; der Antisemitismus soll nur seinen Anhängern keinen Freibrief geben, auf bestehenden Gesetzen wie Gassenjungen herumzutrampeln. Würden die Verwaltung und die Justiz, unbekümmert um „Imponderabilien", die in Wirtlichkeit gar nicht vorhanden oder höchstens durch die ängstliche Scheu der Behörden vor der Begeiferung durch einige Schreier erst erzeugt worden sind, die Antisemiten genau so behandeln wie andere ungeberdige Staatsbürger, dann wäre ihre Schreckensherrschaft im Nu zu Ende! Unwillkürlich denkt man häufig an Lessings Wort: „Was ist für einen Großen denn zu klein!" oder an das scharfe Urteil des schwedischen Kanzlers Oxenstierna über die geringe Schwierigkeit der Staatsleitung, wenn man die Wahrnehmung macht, daß sich maßgebende Kreise nicht von dem Wahn befreien können, in dem den Mittelstand aufwühlenden Antisemitismus eine Schutztruppe gegen die Sozialdemokratie zu finden. Vertreter der Ordnungsparteien glaubten den Staat gerettet, weil im Wahlkreise Eschwege-Schmalkalden der nahezu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.