Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 216 (sequence 2)
- Language
- German
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216 Im deutschen Reich, uns und unser ganzes Reich durch den „führenden" Staat Preußen dem Klerikalismus schon mit Haar und Haut ausgeliefert. Und nun werden auch die Jünger Loyolas bei uns einbrechcn wie die Hyänen, werden unsere Jugend vergiften, unsere Kultur langsam aber sicher Niederdrücken usw. usw." Man sieht: auch so bedeutende Machtfaktoren, wie Reichskanzler und Zentrum, erfreuen sich der Gunst der Antisemiten nur so lange, als sie ihnen zu Willen sind. Ueber die Aufhebung des § 2 mag man denken, wie man wolle — eines steht fest, daß die antisemitische Wühlarbeit die deutsche Jugend, die deutsche Kultur in weit schlimmerer Weise zu schädigen droht, als es je die Jesuiten versucht haben dürften. Die .Staatsbürger-Zeitung," die bisher bei einem Teile der „Centrums-Presse" in hoher Gunst stand und besonders von der „Germania" und der „Märkischen Volks-Zeitung" mit Vorliebe citiert wurde, wenn sie die Juden angriff, hat durch ihr Zetern über die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes die genannten katholischen Blätter über den Wert der antisemitischen Bundesgenoffenschaft etwas aufgeklärt. Die „Germania" druckte einzelne jesuitenfrefserische Aeußerungen der „Staatsbürger-Ztg." im Wortlaut ab und bemerkte dazu: .Die Katholiken werden jetzt wiffen, daß der Antisemitismus auch ihr Feind ist und mit kulturkämpferischen Phrasen die Unterdrückung der katholischen Kirche befürwortet." Die „Köln. Volks-Ztg." und einzelne andere gutgeleitete katholische Blätter haben dies weit früher gewußt. Der größte Teil der Juden hat sich nie für Ausnahmegesetze begeistert. In einer Zeit, in der vielfach versucht wird, alle Errungenschaften des Völkerfrühlings zu Nichte zu machen, die Aufklärung zu verbannen, den starren Konfessionalismus alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gebiete durchdringen zu laffen, den Klaffen-, Rassen- und Glaubenshaß den breitesten Bevölkerungsschichten einzuimpfen, ist eine Milderung des Jesuitcngesetzes wirklich kein erschütterndes Ereignis. Die Pflicht, diese,: Beschluß der deutschen Regierungen im Parlament zu vertreten, hat den Reichskanzler um die Gunst der Antisemiten gebracht, ihm aber Worte in dem Mund gelegt, die harmonischer klingen, als der gegen .Mandelstamm und Silberfarb" angeschlagene Ton. Er sagte am 16. März: „Ich betrachte es als erste Pflicht der Regierung, dafür zu sorgen, daß die Gewissensfreiheit in keiner Weise bedroht wird, die geistige Freiheit, welche dem Deutschen teurer ist, als jedes andere Gut. Ich halte es aber für eine« Fehler, den Kampf für diese Güter in einer Weise zu führen, durch die ohne Not fremde Gefühle verletzt werden, und ihn zu führen mit Zwangswaffen, die auf geistigem Gebiete