Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 215 (sequence 1)
- Language
- German
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215 Umlchan. tem Reichskanzler, der über einen so reichen Eiiatenschatz verfügt. kann der Ausspruch Dingelstedts nicht unbekannt sein: „Wer mit der deutschen Zunge spricht, ruft Deutschland niemals Schande!" Trotzdem sind es gerade die „teutschesten" Gesinnungsgenoffen Dingelstedts, der einst den freundlichen Rat erteilte, die Juden wieder in die engen Judengassen zu sperren, welche seinen Ausspruch sofort zu Schanden machen, wenn sie hoffen, daß ein irgendwo entfesselter Sturm ihre Parteisegel aufblähen könnte. Als Graf Bülow kürzlich eine Handvoll unbesonnener Ausländer, unter denen sich auch einige russische Juden befanden, mit der Entziehung des Gastrechts bedrohte und diese Drohung auch nach einem mindestens unvorsichtigen Proteste der jugendlichen Ausländer ausführte, jubelten ihm alle Antisemiten zu. Kaum aber verbreitete sich die überraschende Kunde, daß der deutsche Bundesrat seine Zustimmung zur Aufhebung des § 2 des Jesuitengejetzes gegeben habe, da hielten es die Antisemiten für angezeigt, wieder mit dem mächtigen Strome zu schwimmen, der gegen diese wenig volkstümliche Neuerung sich richtet. Ein führendes Antisemitenblatt, die Dresdener „Deutsche Wacht", leitet einen „Das Jesuiten-Reich" überschriebenen Artikel mit den der Dingelstedtschen patriotischen Behauptung widersprechenden Sätzen ein: „Ein kräftiger Ausruf tiefster, verachtungsvollster Entrüstung ist wohl gestern abend aus dem Munde von Millionen von guten Deutschen gekommen und mit Grimm, Scham und Erbitterung setzte man hinzu: Es ist eine wahre Schande, jetzt ein Deutscher zu sein." Das Blatt, das der Abg. Oswald Zimmermann begründet hat und noch beeinflußt, setzt kühn hinzu: „Denn der Bundesrat hat unserem Volke geradezu einen Faustschlag versetzt mit der Zustimmung zur Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes. Preußen hat daran die Schuld. Unter Wilhelm II. und seinem Kanzler Bülow, der bekanntlich mit einer Katholikin verheiratet und vielleicht selbst schon im stillen katholisch geworden ist, sind wir Deutschen nicht nur nach Caaoffa gegangen, sondern geradezu auf dem Bauche dahingerutscht und haben