Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Erziehung zur Bodenkultur und zum Handwerk, eine soziale Frage
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 212 (sequence 12)
- Language
- German
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212 Im deutschen Reich. tungen, die auf einfache Almosen hinauslaufen, sich unter den Juden stets offene Heizen und willige Hände finden, daß selbst für den Wanderbettel, welcher freche Müßiggänger noch arbeitsscheuer macht, noch immer Unsummen vergeudet werden, daß aber für praktische Versuche zur Sicherung und Hebung der Stellung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, für die gemeinnützigsten Bestrebungen, welche jedem einzelnen deutschen Juden zugute kommen, nicht überall volles Verständnis und die nötige Opferwilligkeit vorhanden ist". Maimonides, unser hervorragendster Religionsphilosoph, sagt: es gibt acht Stufen der Wohltätigkeit, die höchste ist, den Hilfesuchenden erwerbsfähig zu machen. Bei reiflicher Erwägung werden gewiß auch Sie die Ueberzeugung gewinnen, daß eine richtige, praktische Erziehung der Heranwachsenden Jugend die wichtigste der sozialen Fragen ist. Selbst vom rein finanziellen Standpunkt aus ist das Geld, welches dazu verwendet wird, armen Kindern eine gute, praktische Erziehung zu geben, der vorteilhafteste gewinnbringendste Teil der Wohltätigkeitspflege. Denn jeder junge Mann, der in frühem Alter erwerbsfähig gemacht wird, kann unter Umständen bei dem ausgeprägten Familiensinn fünf bis sechs andere Familienglieder, darunter alte und kranke, ernähren. Er erweist damit nicht nur der Familie einen Dienst, sondern auch der Oeffentlichkeit. Eine ernste Krisis steht bevor, wenn die Juden sich nicht daran gewöhnen, auch im Spenden von Wohltaten, namentlich wo es sich um größere Summen handelt, rationell und denkend vorzugehen. Für so manche exotischen Unternehmungen, die von hier aus unkontrollierbar sind, wandert das deutsche Geld ins Ausland, während jüdische Anstalten in' Deutschland, von deren segensreichem Wirken sich jedermann durch den Augenschein leicht überzeugen kann, nicht beachtet und immer noch nicht genügend unterstützt werden. Und wie steht es nun gar in Galizien und Rußland? Noch weit wichtiger als in Deutschland ist die Erziehung zu Handwerk und Bodenkultur unter den Juden, namentlich zur Bodenkultur, in Galizien und Rußland. Die Lage der Juden in diesen Ländern, sowie in Rumänien, ist derart, daß ein großer Teil, um im wahren Sinne des Wortes nicht zu verhungern, zur Auswanderung gezwungen ist. Der größte Teil der Auswanderer hat sich bislang nach England, Canada und nach den Vereinigten Staaten gewandt. Letztere beiden Länder, sowie England für seine Kolonien, haben einen unlimitierten Bedarf an Landwirten und Landarbeitern. Die bisherigen Auswanderer waren größtenteils Hausierer, Schneider rc., die sich fast ausnahmslos in den großen Städten zusammenpferchten und ein fteiwilliges Ghetto bilden. Dort behalten sie die unter dem furchtbaren