Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Erziehung zur Bodenkultur und zum Handwerk, eine soziale Frage
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 211 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Erziehung zur Bodenkultur und zum -Handwerk rc. 21t auch leine praktischen Fähigkeiten im Handfertigkeit- und möglichst auch im GartenLauunterricht zu entwickeln. Es ist nicht zu leugnen, dah die Ansprüche, welche an den jüdischen Wohltätigkeitssinn gestellt werden, von Jahr zu Jahr gestiegen sind. Abgesehen von den interkonfessionellen und christlichen gemeinnützigen Anstalten, von denen wir uns nicht ausschließen dürfen, sind wir genötigt, große Summen für Altersschwache und Kranke zu verwenden, und es gibt wohl keine Religionsgemeinschaft, die für diese Bedauernswerten mehr Opfer bringt, als wir Juden. Dahingegen sind die Beträge, welche für die Heranwachsende Jugend bei uns verwandt werden, obgleich sie helfen könnten, vorbeugend zu wirken, noch verhältnismäßig gering, sodaß leider noch manche armen jüdischen Kinder der Gefahr der Verwahrlosung ausgesetzt find. Leider sind wir in Ahlem, trotzdem, wie ich dankbar anerkenne, die Zahl unserer Freunde sich fortwährend mehrt, gezwungen, eine große Anzahl der um Aufnahme bittenden Knaben und Mädchen aus Mangel an Raum und Mitteln abzuweisen und sie so der Gefahr der Verwahrlosung zu überlassen. Sind sie einmal verwahrlost» so werden sie nicht nur eine Last für die Gemeinde und den Staat, sondern gereichen ihrer Familie sowie bei der Solidarität, die unsere Gegner uns aufzwingen, der Judenheit zur Schande. Außerdem verursachen sie auch größere Kosten, als wenn rechtzeitig durch eine richtige Erziehung eingegriffen worden wäre. Fließen uns, wie wir hoffen, die Mittel zu, um ein Schulhaus nebst Betsaal rc. zu bauen — und hierbei rechnen wir hauptsächlich auf die Großgemeinden —, so werden die jetzigen provisorischen Räume frei, die wir dann als Schlafsäle für 20—30 weitere Zöglinge verwenden können. Wie schon von anderer Seite früher gesagt ist, steht die Tatsache fest, daß unsere Glaubensgenoffen, die unstreitig in hohem Grade opferwillig sind, alles tun, um das Elend zu lindern, aber meistens nicht verstehen, demselben wirksam vorzubeugen. Das hart klingende Wort, daß der Jude zwar für den kranken Glaubensbruder sorgt, nicht aber für den gesunden, enthält eine bittere Wahrheit und sollte allen eine ernste Mahnung sein, in Wohltätigkeitssachen nicht, wie es die Juden bis jetzt in den weitaus meisten Fällen gehalten haben, nur das Herz, sondern vor allen Dingen den Kopf sprechen zu lasten. Herr Aiphonse Levy, der Generalsekretär des Eentral- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sagt in einer Broschüre, die er vor einigen Jahren veröffentlicht hat, folgendes: „Es ist eine eigentümliche Erfahrung, welche auch bei andern edlen Bestrebungen leider gemacht wird, daß bei Woltätigkeitseinrich-