Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Erziehung zur Bodenkultur und zum Handwerk, eine soziale Frage
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 210 (sequence 10)
- Language
- German
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210 Im deutschen Reich. Weise nützlich machen kann, mehr geachtet als ein Kleinkaufmann, der aus Mangel an Kenntnissen oder aus Mittellosigkeit nicht einjährig dienen kann. Selbständigkeit zu erwerben, ist für den Kaufmann heute noch schwieriger, als für den Handwerker und Gärtner. Ueberdies möchte ich noch auf einen andern nicht unwesentlichen Vorzug aufmerksam machen, den heutigen Tages ein jüdischer Gärtner vor einem jüdischen Kleinhändler oder Hausierer in Deutschland genießt. Leider werden ja in einigen antisemitisch verseuchten Gegenden durch das fortwährend in die urteilslose Menge geschleuderte „Kauft nicht bei Juden" Hausierer und Kaufleute boykottiert und geschädigt. Bei Bodenprodukten, die auf den Markt gebracht werden, fragt niemand, welcher Religion der Produzent angehört, sondern nur nach Preis und Güte. Außerdem haben die Regierungen seit einiger Zeit deutlich die Absicht zu erkennen gegeben, das Haustergewerbe mehr und mehr einzuschränken. So erzählte mir mein lieber Freund, der den meisten von Ihnen bekannte Herr Alphons Jacobson in Leipzig, daß die sächsische Regierung in den letzten Tagen 30 Hausierern die Hauster-Erlaubnis versagt habe, wodurch 30 Familien erwerbslos geworden sind. Meiner Ansicht nach wird dieses Verhältnis von Jahr zu Jahr noch schlimmer, wenn man nicht darauf sieht, mittellose junge Leute, die nicht hervorragend für den kaufmännischen Beruf begabt sind, davon abzuhalten, sich diesem Berufe zu widmen. Der seßhaft gewordene Kaufmann findet noch weniger Gelegenheit zur Anstrengung seiner Körperkräfte und zur Wahrung und Kräftigung seiner Gesundheit, als sie der früher mit seinen schweren Packen auf dem platten Lande herumziehende Hausierer hatte. Es ist deshalb aus hygienischen wie ökonomischen Gründen äußerst wünschenswert, daß unsere Glaubensgenosien in größerer Zahl als bisher sich dem Handwerk und der Bodenkultur zuwenden. Gilt es doch gut zu machen, was man Jahrhunderte an uns gesündigt hat. Es unterliegt also keinem Zweifel, daß bei der heutigen ökonomischen und sozialen Lage in Deutschland es sowohl im allgemeinen Jntereffe wie im Jntereffe der Einzelnen liegt, wenn wir einen möglichst hohen Prozentsatz der Heranwachsenden Generation, namentlich der ärmeren Klasse, veranlassen, sich dem Handwerk und der Bodenkultur zuzuwenden. Dabei denke ich aber nicht daran, selbst die allerärmsten, wenn sie keine Anlage für diese Berufe, dagegen hervorragende Begabung für andere Berufe haben, zu überreden, Handwerker oder Gärtner zu werden. Um sich ein richtiges Urteil über die Veranlagung seines Knaben zu bilden, muß man ihm, wie bereits erwähnt, Gelegenheit geben, nicht nur seine geistigen, sondern