Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Erziehung zur Bodenkultur und zum Handwerk, eine soziale Frage
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 206 (sequence 6)
- Language
- German
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206 Im deutschen Reich. für fett Staat sowohl wie für den einzelnen Kleinbesitzer oder Kleinpächter da, wo vie Verhältnisse es irgend gestatten, der intensive oder mehr gärtnerische Betrieb, wie ich bereits vorhin erwähnte, vorteilhafter als der extensive, rein landwirtschaftliche. Entschließt sich später ein tüchtiger Gärtner zur Auswanderung nach solchen Ländern, wo bei billigen Dodenpreisen die extensive Landwirtschaft vorteilhafter ist, so kann er die mechanischen Handgriffe an den für die eigentliche Landwirtschaft nötigen Geräten und Maschinen sich leicht aneignen. Da die Gärtnerei mehr Nachdenken und mehr Intelligenz erfordert als die kleinbäuerliche Wirtschaft, so wird ein Gärtner mindestens ebenso schnell wie ein Kleinbauer erlernen, wie man unter ganz verschiedenen klimatischen Verhältnissen Landwirtschaft betreibt. Lernen und Erfahrungen sammeln müffen beide. Auch in jenen Ländern ist es häufig ratsam und vorteilhaft, mit der eigentlichen Landwirtschaft Nebenbetriebe gärtnerischer und anderer Art zu verbinden. Aus allen diesen Gründen wird es in der Erziehungsanstalt in Ahlem im Interesse unserer Zöglinge resp. für deren Fortkommen für wichtiger gehalten, sie während ihrer dreijährigen Lehrzeit in den Zweigen des Gartenbaues, als in der extensiven Landwirtschaft zu unterweisen. Die Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem wird vielfach noch mit anderen jüdischen Waisenhäusern und Erziehungsanstalten, von denen es in Deutschland eine ganze Anzahl zweifellos ebenfalls unterstühungswerter gibt, aus ein und dieselbe Stufe gestellt. Wesentlich jedoch sind die sich bei einem Vergleich ergebenden Unterschiede. Während die anderen Institute das Bestreben haben, Kinder zu erziehen, wie sie bislang meistens in jüdischen Familien erzogen werden, ist unsere Anstalt, abgesehen davon, daß sie keinen lokalen Charakter hat, noch immer die einzige, nicht nur Deutschlands, sondern in der gpsamten Judenheit, wo die Zöglinge bei durchaus jüdisch-religiöser Erziehung als Schulkinder bereits im ftühesten Alter nach den bewährtesten pädagogischen Grundsätzen nicht nur in den verschiedenen Zweigen der Handfertigkeit, sondern auch im Gartenbau unterrichtet werden. Sie ist die einzige Anstalt, wo Kinder nach Absolvierung der hier mit der Anstalt verbundenen Volksschule, abgesehen von einigen Handwerksbetrieben namentlich in den verschiedenen Zweigen der intensiven Bodenkultur eine gründliche, praktische Ausbildung erhalten, die sie befähigt, in und außerhalb Deutschlands sich eine geachtete Lebensstellung zu verschaffen. Unsere Anstalt ist unter, den schwierigsten Verhältnissen, mit manchen Vorurteilen und Feindseligkeiten kämpfend, vor ca. 10 Jahren entstanden, und, ohne unbe-