Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Erziehung zur Bodenkultur und zum Handwerk, eine soziale Frage
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316719-2333132--12319-2333185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 Im deutschen Reich. oder in Stockung geraten, wenn irgend ein Stand oder Beruf ausgeschaltet würde oder mangelhaft arbeitete. Wie heute die meisten Maschinen komplizierter sind als in früheren Zeiten, so auch die Staatsmaschine. Wie man heute bcfferes Material, beispielsweise besseren Stahl zu den meisten Maschinen verwendet, so verlangt die Staatsmaschine auch heute tüchtigeres Menschenmaterial, als in früheren Jahren. Heute werden in allen Berufsarten nur tüchtige Menschen gesucht, während mittelmäßige und gar solche, die ihren Beruf schlecht verstehen, nur schwer Unterkommen. Voraussichtlich wird sich dieses Verhältnis, namentlich in dicht bevölkerten Staaten wie Deutschland, von Jahr zu Jahr mehr zuspitzen. Es ergibt sich hieraus die ernste Pflicht, daß wir gründlich prüfen, in welcher Weise die Heranwachsende Generation der Juden ausgebildet and erzogen werden muß, um in dem Berufe, den jeder einzelne erwählt, etwas tüchtiges zu leisten. Da ist dann die erste Frage: Wie steht es mit der Kindererziehung? Wie sollen wir entscheiden, für welchen Beruf sich ein Knabe besonders eignet? Um den Knaben selbst, den Angehörigen und vor allen Dingen den Lebrern es zu ermöglichen, die in den Einzelnen schlummernden Talente und Fähigkeiten zu erkennen, sollte man schon in den Schule» den Kindern Gelegenheit geben, nicht allein ihre Geistesgaben, sondern auch die praktischen und künstlerischen Fähigkeiten zu prüfen und zu entwickeln. Dies kann, glaube ich, am besten dadurch geschehen, daß man möglichst in allen Schulen außer dem Zeichenunterricht auch den Unterricht in Handfertigkeit und Gartenbau einführt. Besonders wichtig und nützlich sind diese Unter richtszweige für jüdische Kinder, die durch den Atavismus von Jahrhunderten und durch die Berufs - arten ihrer Eltern und Verwandten meistens auf solche Tätigkeiten hingewiesen werden, zu Serien fast ausschließlich geistige Fähigkeiten erforderlich sind; also vor allen« Gclehrtenberufe und den Handel. Schafft man nun durch Erteilung von Handfertigkeits- und Gartenbauunterricht Gelegenheit, den Knaben Sinn und Neigung für praktische Handleistungen anzuerziehen, so werden die Knaben selbst, sowie die Lehrer meistens ausfinden, in welchen Berufen sie am meisten Aussicht haben, später etwas Tüchtiges zu leisten. Nebenbei gesagt ist nicht, wie unbegreiflicherweise vielfach geglaubt wird, der Handfertigkeitsunterricht eine rein mechanische Tätigkeit oder eine gedankenlose Sache. Während man durch reine Büchergelehrsamkeit nicht selten schwankende, krittelnde, erwägende und zagende Menschen erzieht, bildet man durch den richtig, nach pädagogischen Grundsätzen erteilten Handfertigkeits-