Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Die Juden als Soldaten
- Date
- 1904-04-01
- Page
- 195 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden als Soldaten. 195 sprechen. Liebermann v. Sonnenberg, Mitglied des Reichstages." Jedenfalls stand die von dem ehemaligen Militärgeistlichen und späteren Hofprediger Adolf Stöcker am 8. März im Reichstage gehaltene Rede auf noch tieferer Stufe als die Liebermanns und machte es sehr erklärlich, daß selbst der konservative Abgeordnete von Kardorff bekennen mußte: „Stöckers antisemitische Agitation hat mir von jeher mißfallen." Auch Stöcker suchte aus dem Flugblatt des Central-Vereins und den Vorgängen im ersten Berliner Wahlkreise den völlig unrichtigen Schluß zu ziehen, „daß die Sozialdemokratie mit den Juden durch Dick und Dünn ginge." Dies reizte die sozialdemokratischen Abgeordneten zu Zwischenrufen, welche von dem Präsidenten als „Blasphemie" aufgefaßt wurden. Auf den Zwischenruf: „Der Heiland war selbst ein Jude", entgegnete Stöcker: „Der Heiland war kein Jude, sondern des Menschen Sohn." Daß Lessing im Drama „Nathan der Weise" den biedern Klosterbruder sagen läßt, was Stöcker so heftig bestritt, war vielleicht für den „teuren Gottesmann" nicht maßgebend, aber er, der sich einst als den „zweiten Luther" feiern ließ, müßte wenigstens doch gelten lasten, daß von Martin Luther jene Schrift „Daß Jesus eyn gebohrener Jude sey" herrührt, die dem evangelischen Pfarrerssohn Lessing lange vor seiner Bekanntschaft mit Moses Mendelsohn die Anregung zu feinem „Evangelium der Humanität" gab. Ob die Behauptung der „Staatsbürger-Ztg., daß der Kriegsminifter durch eine tiefe Verbeugung vor Adolf Stöcker diesem für seine oratorische Leistung gedankt habe, zutreffend ist, wisten wir nicht. Jedenfalls ist es bedauerlich, daß der Minister, dem der Abg. Eickhoff das rühmliche Zeugnis ausstellte, er halte ihn für einen vorurteilslosen Mann, es nicht für seine Amtspflicht hielt, sich der pflichttreuen jüdischen Soldaten anzunehmen, als diese von Liebermann und Böckler in ungebührlichster Weise geschmäht wurden. Unwillkürlich wurde man daran erinnert, daß vor einigen Jahren ein anderer preußischer Kriegsminister es für seine Pflicht erachtete, gegen die Redaktion des von Dr. Otto Böckel herausgegebenen „Reichsherold" wegen einer weit geringeren Verleumdung einiger jüdischen Einjährigen-Freiwilligen gegen den verantwortlichen Redakteur Madelskv Strafantrag zu stellen. Zu jener Zeit würde es wohl auch noch ein bayrischer Bevollmächtigter für den Bundesrat für seine Pflicht gehalten haben, darauf hinzuweisen, daß in Bayern eine größere Anzahl Reserveoffiziere jüdischen Glaubens durch musterhafte Pflichttreue sich auszeichnen und die Front keineswegs verunzieren. Ungehindert durch das Präsidium und ohne Entgegnung seitens eines Vertreters der Regierung durfte aber leider im deutschen Reichs^