Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 178 (sequence 6)
- Language
- German
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178 Im deutschen Reich. Rabbiner Or. Siegfried Silberstein aus Elbing das Wort zu einem Vortrage über „Herder in seinen Beziehungen zur Bibel und zum Judentum." Anknüpfend an den am 18. Dezember v. Js. von der ganzen gebildeten Welt gefeierten Herder-Gedenktag, erörterte der Vortragende die große Bedeutung der Wirksamkeit, die Herder als Theologe, Schriftsteller, Dichter und Kritiker entfaltet, die vielseitigen Anregungen, die er für die Weltliteratur und die Sprachwissenschaft gegeben hat. Was ihn aber den deutschen Juden besonders wert und eine Würdigung Herders zu einem geeigneten Gegenstand für einen Vortrag im Central-Vereine mache, sei vorzugsweise der Umstand, daß er den Unterricht in der Bibel als beste Bildungsquelle betrachtet, die Heilige Schrift geliebt, den Geist der hebräischen Poesie mit tiefem Verständnis erfaßt habe und daß er auch für die rabbinische Weisheit empfänglich gewesen sei. Der Vortragende bewies dies durch zahlreiche Stellen aus Herders Schriften und Briefen, kennzeichnete dabei Herders Stellung zum Zionismus und sein anfänglich fvrödes, aber mit der Zeit immer inniger gewordenes Verhältnis zu Moses Mendelsohn. Der Redner berührte auch die Tatsache, daß Herder nicht völlig ftei von jedem Vorurteil gegen die Juden gewesen, daß er sie aber dennoch nicht nur geduldet, sondern auch aus der Erniedrigung emporgehoben wissen wollte. Durch Herders Losung, die auch auf feinem Denkmal in Weimar eingegraben steht, „Licht, Liebe und Leben" sowie durch seine innigen Beziehungen zur Bibel und insbesondere zur hebräischen Poesie fei ihm auch ein dauerndes dankbares Gedächtnis bei den deutschen Juden für alle Zeit gesichert. Lebhafter Beifall belohnte diese Ausführungen und der Vorsitzende veranlaßte die Anwesenden, den Redner durch Erheben von den Sitzen zu ehren. Hierauf erörterte Herr vr. Brodnitz in längerer Rede die Frage, ob eine politische Vereinigung wie der Central-Derein Anlaß habe, sich mit religions-philosophifchen oder historischen Angelegenheiteu zu beschäftigen, und bejahte sie, soweit es sich darum handle, den sogenannten „Wissenschaftlichen Antisemitismus" zu bekämpfen. Herder werde wegen einzelner Aussprüche von den Antisemiten als ihr Eideshelfer hingestellt, aber auch von vielen unserer Glaubensgenossen als ein Judenfreund. Beides sei unrichtig und der Vortragende verdiene volle Anerkennung dafür, daß er sich bezüglich der philo« semitischen Bedeutung Herders Zurückhaltung auferlegt habe. Auch die größten Männer seien Kinder ihrer Zeit und. könnten von der Zeitströmung sich fast nie ganz frei machen. Als ein Apostel der Humanität, der nach Liebe und Licht strebte, verdiene aber Herder unbedingte Verehrung, auch ohne ein Zeuge für unsere Sache zu fein,