Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 160 (sequence 11)
- Language
- German
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160 8m deutschen Reich. Wasser haben, zeigt sich ein Kultur-Rückgang, der erschreckend wirkt und selbst bei den Antisemiten, die noch etwas Reinlichkeitsgefühl haben, ernste Bedenken erregt. Daß ein Mann wie Gregorig, der als antisemitischer „Fanghund" immer im Geiste der Wiener christlich-sozialen Partei gearbeitet hat, sich von dieser trennt, ist ein unendlich gering, fügiges Ereignis, das keiner Beachtung wert wäre, wenn nicht sein Ausspruch, dah „endlich mit gewissen Herren, für die der Antisemitismus nur der Deckmantel für die Schandtaten ist, aufgeräumt werden müsse", und in der Partei „Gaukler" und „Unternehmer" vorzugsweise poussiert werden, geeignet wäre, vielen Leuten die Augen zu öffnen. Don den Gerichtshöfen in Czernowitz und Kolomea sind in den letzten Tagen wieder zahlreiche Bauern, die seiner Zeit bei den Unruhen in Zablotow und Umgegend die Juden mißhandelten und plünderten, zu schweren Ke kerstrafen verurteilt worden. Das hindert aber die antisemitischen Hetzer, deren Hauplsitz Wien ist, in keiner Weise, aufs neue die Gemüter durch frech ersonnene Rilualmord-Märchen zu erhitzen. Das Wiener „Deutsche Dolksblatt" von Vergani und Schneider knüpft jetzt bei dem Herannahen der Osterzeit an die Meldung von der Ermordung eines Mädchens in Prag wieder so perfide Anspielungen, Andeutungen, Verdächtigungen der Behörden und Polizeiorgane, spickt seinen Mordbericht mit so viel niederträchtigen Zweideutigkeiten und beziehungsvollen Fragezeichen, daß der Zweck, den Pöbel aufzuregen, vollkommen erreicht werden muß. Tückischer und feiger sind noch nie die bösen Instinkte ungebildeter Massen aufzureizen versucht worden, als durch diese hinterlistige Methode des Dergani-Blattes, unter dem Vorwände, der Wahrheit und dem Recht zu dienen. Kommt es dann zu irgendwelchen elementaren Ausbrüchen der Roheit seitens des aufgehetzten Pöbels, so werden nicht dessen Zielbewußte Verführer gefaßt, sondern einige armselige verhetzte Proletarier ihre Dummheit im Kerker büßen müssen. Dasselbe traurige Schauspiel spielt sich neuerdings wieder in Kvchinew ab, wo der zweite Teil des Prozesses wegen der vorjährigen Oster-Exzesse im Süden Rußlands am 22. Februar seinen Anfang genommen hat. Angeklagt waren 17 Personen der Ermordung von acht jüdischen Einwohnern Kischinews und 42 nur wegen Beteiligung an den Ausschreitungen. Mehrere der Angeklagten sind jetzt zu längeren Gefängnisstrafen, andere zur Einreihung in Strafkompaguien verurteilt worden. Abschreckend haben aber diese Strafen nicht gewirkt, denn bei verschiedenen patriotischen Umzügen brachte die Bevölkerung Hochrufe auf den intellektuellen Urheber jener Unruhen, den Redakteur deH Bessarabetz, Kruschewan, aus und zertrümmerten an einzelne«