Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 159 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316718--12205-2333065- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 159 Anforderungen weiß kein anderes Mittels die Darlegungen des Sozialdemokraten Bebel abzuschwäcken als durch die bei den Antisemiten Heiterkeit erregende Erklärung: „Wenn der Nihilismus mit den Herren Mandelstamm und Silberfarb an der Spitze sich weiter so mausig macht, dann werde ich dafür sorgen, daß solche Leute ausgewiesen werden. Mitleidigkeit, wo sie am Platz ist, Schnorrern und Verschwörern gegenüber aber nicht!" Der Beifall der Kreise, die bisher nicht allein seine auswärtige Politik schnkde^verlästert haben, müßte dem Grafen Bülow den besten Beweis liefern, daß mit der Verhöhnung einzelner, bedauernswerter russischer Studenten jüdischen Glaubens die Annahme nicht aus der Welt geschafft wird, daß es nicht die Aufgabe der deutschen Behörden sein kann, unbesonnenen, jugendlichen Schwärmern das Gastrecht zu versagen und sie unbarmherzigen Schergen in die Hände zu liefern. Der antisemitische Abgeordnete Werner versuchte sofort, die Worte des Reichskanzlers für seine Parteizwecke zu benutzen, indem er meinte: »Wenn der Reichskanzler gesagt hat, es handle sich um Schnorrer, so ist das vollständig zutreffend, denn es hat sich gezeigt, daß es lediglich russische Juden sind, die als Parasiten zu uns herüberkommen, sich anunseren Hochschulen herumdrücken, nicht arbeiten, sondern nur Hetzen. Zu solchen Dingen ist Deutschland zu gut und der Ausdruck Schnorrer ist durchaus zutreffend." Dieser Ausdruck ist aber nichts weniger als zurreffend; es sind nicht lediglich russische Juden, welche die jetzige Wirtschaft von Pobedoneszew, von Plehwe u. a. m. verabscheuen, sondern die edelsten Bollblutrusien wie Graf Tolstoj und der übrige gesamte russische Geistesadel. Die Mißwirtschaft jener Satrapen zu beschönigen, welche in Kifchinew und Home! die Judenhetzen inszenierten oder doch begünstigten, die Bauern knechten und aussaugen, jede sreigeistige Regung zum Hochverrat stempeln und mit Knutenhieben oder Verbannung bestrafen, die besten Absichten des Zaren aber im Verwaltungswege vereiteln — dazu ist Deutschland zu gut! Die als »Schnorrer" bezeichneten Studenten, mögen sie nun Christen oder Juden sein, mögen vielleicht manches kühne Wort sprechen, das Freihertsliebe oder Unmut auspreßt, dem verbrecherischen Nihilismus stehen sie wahrscheinlich bei weitem nicht so nahe wie die Antisemiten in Südrußland und in Deutschland, die.unter der Maske loyaler Gesinnung die gesamte staatliche und gesellschaftliche Ordnung untergraben! Man braucht gar nicht bis nach Rußland hinüberzuschauen, um zu sehen, was aus der Drachensaat des Antisemitismus emporwachst; schon in dem näherliegenden cisleithanischen Teile der österreichu ngarischen Monarchie, wo die Judenfeinde seit Jahren Ober-