Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 158 (sequence 9)
- Language
- German
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158 Im deutschen Reich. sich die Sozialdemokraten nicht, und ihre Vertreter im Roten Hause haben die Versuche der Antisemiten, seine Wahl für ungültig erklären zu lassen, eifrig unterstützt. Die Hamburger Sozialdemokraten, welche mehr Gelegenheit als ihre Berliner Genossen hatten, die agitatorische Bedeutung Raabs kennen zu lernen, haben aber alle Hebel in Bewegung gesetzt, um diesen vielseitigen Politiker aus der Bürgerschaft Hamburgs zu verdrängen. Sie haben es als einen glänzenden Erfolg angesehen, daß Raab.und Jacsbsen ihrer Mandate am 12. Februar verlustig gingen und der Antisemitismus jetzt nur noch durch Herrn Schack in der Hamburger Bürgerschaft vertreten wird. Bezeichnend für Raab ist, daß er vor den Hamburger Wahlen in einem Flugblatt erklären ließ: „Nie hat er im Reichstage ein Wort für die bäuerliche Schutzpolitik gesagt!", daß aber die agrarische „Deutsche Tageszeitung" seine Wahl in Esch-, wege-Schmalkalden mit der Versicherung empfehlen konnte, Raab sei „einer der eifrigsten-Förderer der vom „Bunde der Landwirte" vertretenen wirtschaftlichen Bestrebungen". Mit solchen unsicheren antisemitischen Kantonisten Bündnisse zu schließen oder ihren Bestrebungen irgendwie Vorschub zu leisten, kann weder einer politischen Partei noch einer andern Organisation Vorteil bringen. Von dem den Rassen- und Religionshaß fördernden Antisemitismus gilt in mancher Beziehung das, was Shakespeare von einer andern Leidenschaft sagt: „Hütet Euch vor Eifersucht, dem grünäugigen Scheusal, das die Speise besudelt, die es nährt!" So klein die Anzahl der radikalen Antisemiten ist, die im preußischen Landtage und im Reichstage Sitz und Stimme haben, hat doch ihre Anwesenheit in diesen Volksvertretungen nicht nur das Niveau der Parlamente merklich erniedrigt, sondern auch auf einzelne andere Parlamentarier insofern ansteckend gewirkt, als sie sich offenbar unabsichtlich an den antisemitischen »Jargon" gewöhnen und zuweilen Ausdrücke gebrauchen, wie sie sonst nur in antisemitischen Kreisen üblich sind, was dann von diesen als eine Annäherung der Anschauungen dankbar hingenommen wird. Ein liberaler Abgeordneter, der wohl kaum mit den politischen Ansichten der Herren Böckler und Werner übereinfiimmt, zieht die biblische Geschichte von dem Esauschen Linsengericht herbei, um gegen Erbschleicherei zu sprechen, was dem antisemitischen Chorus Gelegenheit ßicbt, das Wort „jüdische" Erbschleicheret in die Debatte zu werfen. Selbst der Reichskanzler Graf Bülow, nervös gemacht durch die Angriffe auf die fast von allen Parteien getadelte polizeiliche Dienstwilltgkeit gegen die russischen