Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 153 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 153 welche weitergehenden Verpflichtungen. Davon, daß ich meine Ansichten geändert hätte, oder gar davon, daß ich Antisemit geworden sei, kann natürlich keine Rede sein." — Das mag zunächst die redliche Ueberzeugung des biederen „Wellen" fein, aber in dieser Gesellschaft dürfte er trotzdem das Wort Seumes vergessen lernen: „Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen!" Der Antisemitismus hat wie alle bösen Instinkte unleugbar eine werbende Kraft; der „Bund der Landwirte" ist ihm anscheinend bereits ganz verfallen, trotzdem die Interessen der Landwirtschaft durch Rassen-, Klassen- und Religionshaß nicht gefördert werden können. Der neugegründete „Bund der Handwerker" wird voraussichtlich auch weniger dem Handwerk aufhelfen als dem „Deutschen Antisemitenbund" und ebenso wie der „Deutsch-nationale Handlungsgehilfen-Verband" sich schließlich weniger mit den Berufsinteressen beschäftigen als mit der Werbung dienstwilliger Rekruten für eine kulturwidrige Bewegung. Zu dieser Befürchtung gibt wenigstens die Art Anlaß, mit welcher der „Bund der Handwerker" ins Leben tritt; er hat dem „Bund der Landwirte" die Losung das „Schreien hilft!" und die Uebertreibung der Gefahren des Umsturzes, dem „Antifemiten- Bunde" aber die Verdächtigung der Regierung und den Ruf nach Geld abgelaufcht. In dem Aufrufe des neuen Bundes heißt es: ,Das Handwerk ist verloren, wenn es nicht jetzt noch die letzte Kraft zusammenfaßt und den letzten Kampf um feine Existenz aufnimmt. Die schrankenlose Konkurrenz, die Schund- und Schwindelfabrikation, das Treiben der Warenhäuser und Rabattsparvereine, große und, kleine Schädlinge aller Art richten Jahr für Jahr Taufende von uns zu Grunde. Ueber ein Kleines, und das Handwerk ist gewesen. . . . In letzter Zeit trat die Regierung unseren Bitten gar mit kalter Ablehnung und kaum verhülltem Hohn entgegen. Das Handwerk ist ganz offenbar für fie erledigt; sie schwimmt durchaus htt Fahrwasser der Warenhäusler-Jntelligenz. . . . Wir haben jetzt um das nackte Leben zu kämpfen. Vorwärts! Sckmach jedem, der in dieser entscheidenden Stunde feige und faul zurückbleibt!" Bis jetzt hat diese neue Mittelstands-Vereinigung, an deren Spitze der Schneidermeister Donner steht, der bei der agrarischen Heerrchau im „Bunde der Landwirte" mit einer Lobpreisung der mittelalterlichen Zünfte debütierte, bei Handel- und Gewerbetreibenden noch wenig Anktang gefunden. Die Agitations-Versammlungen waren fast überall nur sehrbürftig besucht, was sehr begreiflich ist. da den Handwerkern schließlich doch die Augen aufgehen müssen, wenn die