Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Der Jude im deutschen Drama
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 148 (sequence 3)
- Language
- German
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148 Im deutschen Reich entweder ist der Held eines historischen Dramas der jüdischen Geschichte entnommen, oder ein Drama zeichnet uns die Art und Eigenschaft des Juden. Die Judenfrage im modernsten Wonstim mit ihrem tendenziös häßlichen Beigeschmack bildet nur ein sehr untergeordnetes dramatisches Objekt, denn weder tendenziös philosemitischc, noch tendenziös antistmitische Dramen können den Namen eines echten Kunstwerks verdienen — „der Dichter steht viel zu hoch" wie Goethe aussprach, „als daß er Partei machen sollte." Natürlich hindert diese Tatsache nicht die gelegentliche Beleuchtung dieser Frage und eine Stellungnahme zu ihr. Ebenso ist voraus zu bemerken, daß in den historischen Dramen, die ich zuerst nannte, auch jüdische Sitte und Art gezeichnet wird — nur als Nebenzweck, nicht als Hauptzweck. Betrachten wir zuerst die historischen Dramen aus der jüdischen Geschichte in zeitlicher Reihenfolge. Aus der biblischen Geschichte hat König Saul zweimal als Held eines Dramas gedient. Merkwürdig — zwei hochstehende Dichter, Carl Gutzkow und Friedrich Rückert, hat dies Problem gereizt, und beide vermochten nicht, aus König Saul ein mehr als vergängliches Werk zu schaffen. Gutzkows „König Saul" vom Jahre 1839 gibt uns ein streng historisches Bild vom alternden, geistig nicht mehr unversehrten, ersten Judenkönig, voll Haß gegen David, den siegreichen, hochherzigen und edelmütigen Jüngling, den treuen Freund Jonathans und den liebenden Bräutigam und Gatten der Königstochter Michal. In dem zu seinem Nachfolger erwählten David haßt Saul auch das Priestertum, im Hohenpriester Samuel verkörpert, eben jenen, der den Hirtensohn zum Königserben salbte. Staat und Kirche stehen gegenüber, und wie in späteren Jahrhunderten der Weltgeschichte, läßt Gutzkow an der harten Stirn der Kirche die weltliche Macht zerschellen. Unrühmlich sucht und findet der besiegte König den Tod durch eigene Hand, und der im schwarzen Harnisch auf dem Schlachtseid erscheinende Geist des gestorbenen Samuel mahnt David an seinen Schwur im Ham von Rama, wohin er einst vor der Wut Sauls geflohen war „das gehetzte Reh, das von dem Feld vor Todespfeilen fliehend im Muttcrschoß des Walds zusammenknickt". Damals hatte ihm der Priester Goliaths Schwert in die Hand gedrückt, und David hatte geantwortet, als ihm symbolisch die Macht aus Priesterhand also «bergeben ward: „Ich blicke schwindelnd aus dies rost'ge Schwert Und folge, gliich als würd' es angezogen Von einem Zaubersteine, blind und jach Ihm in des Zufalls Nebelfernen nach."