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Im deutschen Reich · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. 147

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Der Jude im deutschen Drama
Date
1904-03-01
Page
147 (sequence 2)
Language
German
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Der Jude im Deutschen Drama. 147 alles, was die Zeit ihrer Entstehung erlebte und bewegte! Das gilt von der Lyrik, wollen wir Gefühl und Empfindung einer Zeit erkennen! Das gilt von Ballade und Epos, wollen wir den historischen Charakter einer Zeit prüfen! Das gilt mehr noch vom Drama, das in sich lyrische und epische Momente vereinigen kann, das erlaubt, mit zu erleben, was andere erlebt haben. Zugleich vermag es durch seine Natur am besten Meinungen und Gegenmeinungen, Handlung und Widerhandlung zum Ausdruck zu bringen. Gerade die dramatische Litteratur gestattet tiefe Einblicke in Herzen und Sinne einer Zeit, und wir können wohl versuchen, jede Frage, die einmal aufgerollt wurde, und deren Lösungsversuche in der dramatischen Litteratur zu studieren. Das deutsche Drama beginnt erst mit Leffing,. also in der Mitte des- 18. Jahrhunderts, einen nationalen Charakter anzunehmen und sich frei von fremden Einflüssen zu halten. Es ift also zweckmäßig bis auf ihn zurückzuzehen, wenn wir im Drama die Entwicklung irgend einer bedeutsamen Lebensfrage in Deutschland erforschen wollen. Nun ist aber Lessing selbst sogleich derjenige, der in seinen Dramen Stellung zu den Juden nimmt — offenbar nicht zufällig, auch nicht durch seine Bekanntschaft und Freundschaft mit Moses Mendelssohn, den man vielleicht als ersten Deutschen jüdischer Konfession bezeichnen darf; denn düsen lernte er 1734 kennen und er hatte doch schon 1749 sein Lustspiel „Die Juden" geschrieben! Vielmehr war jene Zeit gerade diejenige, in der die Beschränkungen und Beschimpfungen der Juden in Deutschland begannen abgeschafft zu werden. Schon 1737 ward im Ansbachschen der Leibzoll beseitigt, 1781—82 in Oesterreich, 1787 in Preußen, und es erschienen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an 500 Schriften, die sich mit Emanzipation der Juden und der Judenfrage beschäftigten. Der drückendsten Feffeln ledig, begannen die deutschen Juden im breiten Strome in den Dolkostrom hineinzufließen; sie wurden aus der verachteten, mit Null bewertetem Gemeinschaft, zu der man sie systemati'ch hinabzudrücken sich Jahrhunderte bemüht hatte, ein Faktor, mit dem nun gerechnet werden mußte, zumal gerade ein Mann, wie Mendelssohn, bewies, welche Summe der höchsten sittlichen und geistigen Fähigkeiten im Judentum trotz Knechtung und Rohheitsraserei übrig geblieben war und der Erweckung und Nutzbarmachung harrte. So kommt es, daß der Jude im deutschen Drama von Leffing an dis zur Gegenwart eine Rolle spielt, daß die deutschen dramatischen Dichter dem Juden ihre Aufmerksamkeit zugewendet haben. Der Jude erscheint im deutschen Drama zu zwiefachen Zwecke:

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