Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Zum Andenken an Matthias Jakob Schleiden
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 144 (sequence 6)
- Language
- German
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144 Im deutschen Reich. Glaubensinhalt. Auch hatten schon die Propheten den Wert des Opferkultus sehr herabgesetzt, und mit der Zerstörung des zweiten Teinpels hörte er von selbst auf. So waren die Juden also in ihrer geistigen Entwickelung, in ihrer Forschung vollkommen frei von allem geistlichen Einfluß. Die Reinheit des Glaubens wurde von den Lehrern geschützt, ja von dem ganzen Volke, das durch Aufgeben des einigen Gottes sich ja selbst ausgegeben hätte." Soweit Schleiden. Absichtlich ist dieser ganze Abschnitt hier in vollem Wortlaut wiedergegeben worden. Er enthält unseres Erachtens den eigentlichen Kern der Beweisführung; er zeigt und begründet, wie und warum die Juden zu der Rolle als Kulturträger und Kulturpioniere vermöge ihres konfessionell-rationellen und freiheitlich-aufgeklärten d. h. jeder Mystik und jeder Legende baren Standpunktes berufen und befähigt waren. Gerade mit diesem Zitat haben wir Schleiden und er sich als Apostel des Judentums glänzend legitimiert. Lebte er heute und hätte er noch von dem fundamentalen Werk unseres greisen Steinschneider über die hebräischen Ueberjetzungen im Mittelalter Kenntnis nehmen können, so würde er darin auch weitere wichtige Beweisstücke für seine Schrift gefunden und nicht verfehlt haben, seinen (im weiteren l. c. p. 11—13 in der Fußnote genannten) Quellen auch diese neue hervorragende hinzuzufügen und damit wohl auch Steinschneider selbst jeden Anlaß zu dessen oben erwähnter Kritik genommen haben. Doch nicht genug damit. Vor mir liegt eine zweite Schrift/') betitelt: »Die Romantik des Martyriums bei den Juden im Mittelalter" (Leipzig 1778, Wilhelm Engelmann, 64 pp). Sie war mir bisher leider völlig entgangen und erst für den vorliegenden Zweck habe ich von ihr erst Kenntnis nehmen können. Vielleicht hat sie nicht so zündend und einschlagend gewirkt. Ist diese Annahme richtig, dann ist der Schrift jedenfalls Unrecht geschehen; denn sie ist nicht minder bedeutend und nicht minder verdienstlich, als die erste Veröffentlichung. Enthielt diese eine jüdische Literaturgeschichte des Mittelalters io onoe, so ist die nachgeborene Schwester eine kurze Geschichte der äußeren Schicksale der Juden im Mittelalter, die ja — Gott sei's geklagt — eine heute noch nicht abgeschlossene Kette von Martyrien bildet. Dürste man die Leidensgeschichte der Juden in den verschiedenen Ländern als Maßstab für eine Beutteilung des Zeitgeistes und als Einteilungsprinzip für eine historische Chronologie *) Für die Ueberlaffung eines Exemplars derselben habe ich dem hochgeschätzten Vorstände unseres Vereins auch an dieser Stelle zu danken.