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Im deutschen Reich · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. 143

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Article
Zum Andenken an Matthias Jakob Schleiden
Date
1904-03-01
Page
143 (sequence 5)
Language
German
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Zum Andenken an Matthias Jakob Schleiden. 143 zum sittlichen Leben als wesentlichem Mittel der Heiligung* *) und wahrer Ferm des Gottesdienstes; so finden wir es schon bei den Propheten ausgesprochen. Keine Zänkereien um Dogmen konnten daher bei ihnen Eingang finden und sie von fruchtbarem Forschen abhalten, denn ihr reiner Monotheismus kommt mit keinem Produkt des vernünftigen Denkens in Wlderspruch. Dagegen knüpften ihre sehr entwickelte Sütenlehre, durch welche das Verhältnis der Menschen zu einander geordnet wurde, sowie ihre wesentlich historisch begründeten Volksf.ste und deren Cyklus an alle die Eingänge in das ganre Gebiet der Wissenschaften an. Ihre Sittenlehre umschloß auch das Verhalten zu Leidenden und Kranken.**) Die Gesetzeekunde in einer zum Teil veralteten, nur noch schwer verständlichen Sprache, dem alten Hebräischen abgefaßt, führte sie zur Sprachkunde und Exegese, durch ihren Jnvalt zur Rechtsphilosophie und Rechtswissenschaft, die Bestimmung der Festzeiten zur Astronomie und damit zur Mathematik. Jede neue Entwickelung des Menschenlebens, jedes neue Verhältnis, in welches sie durch ihre Zerstreuung versetzt wurden, forderte sie zur Erweiterung und Entwickelung auch der anfänglich nur für bestimmte und noch einfache Zustände gefundenen Vorschriften auf. Und so alljei.ig angeregt, kamen sie natürlich auch bald dazu, für das Alles eine gemeinsame Gedankenverbindung und allgemeine Prinzipien zu suchen, und wurden auf die Philosophie als leuchtenden Mittelpunkt aller geistigen Arbeit geführt***) Dazu kam noch ein glückliches Verhältnis; da ihnen die Dogmatik fehlte, brauchten sie auch keine Priesterkaste! Zwar standen im Tempel von Jerusalem den Zeremonial- und Opfergebräuchen Priester vor, aber diese hatten keinen Einfluß auf den Hmopfern nicht bloS ihres Besitztums, ihrer Heimat und Familie, sondern auch ihres Lebens, in der glänzendsten Wrise dokumentiert haben. Ist nun von einem solchen Volke wohl anzunehmen, daß es in die roheste Unfitttichkeit und Wollust versunken ist, von einem Volke, deffen fleischliche Vermischung mit anderen Völkerschaften zudem durch das religiöse Gesetz verboten ist?" *) Z. B. schon 3. Moses XIX 3, 3, S—18, 29, 32—36. *') Schon der Talmud enthält sehr wertvolle Bemerkungen zur Heilkünde (Ginsburger, medicina ex Talmudicis, Haller, Bibliotheca medicopractica üb. 2. ..Im Talmud, in dem die Ueberlicfenrngen der Gelehrten des jüdischen Volkes erhalten sind, finden sich viele Ansichten, die ihre Erfahrung und ihren Scharfsinn beweisen"). *•*) Man vergleiche hierzu im Ganzen, wie insbesondere zu der gegebenen Ü bersicht die ausgezeichnete Arbert von E. Deutsch: Der Talmud, nach der siebenten englischen OnginallAusgabe ins Deutsche übersetzt, Berlin *869, und speziell für den letzten Satz S. 1—2 und 25—27.

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