Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Zum Andenken an Matthias Jakob Schleiden
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 142 (sequence 4)
- Language
- German
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142 Im deutschen Reich. Freilich, den Geifer des Antisemitismus vermochte auch Schleiden mit seiner Apologie nicht zu vernichten. Dennoch hat er der Sache des Judentums einen großen, unvergeßlichen Dienst geleistet, einen Dienst, der uns berechtigt, den ehemaligen Advokaten mit Stolz als unseren Advokaten, als einen Mitkämpen, als neuen Apostel des Judentums anzusprechen und seiner heute bei der hundertsten Wiederkehr des Tages seiner Geburt auch an dieser Stelle zugedenken. Lassen wir jetzt Schleiden selbst sprechen und wählen wir dazu als Stichprobe einen der ergreifendsten Abschnitte aus seiner Broschüre, den ich nach der 41 Seiten umfassenden, vom Ausschüsse des Deutjch- Jsraelitiscken Gemeindebundes zu Leipzig veranstalteten 3. unveränderten Auflage (Leipzig 1877 p. 11) citiere. „Die Religion der Juden," sagt Schleiden, .war einfach in dem Glauben an einen einzigen, reingeistig gefaßten Gort beschlossen, und daran knüpfte sich die Verpflichtung unerschöpflich, war auch der Haß, der Fanatismus, das Vorurteil gegen sie unsäglich. Ruhe und Gleichgültigkeit war seit 2000 Jahren niemals der .Himmel, unter dem sie wohnten; die Welt, die ihnen gegenüber stand, war in Lagern für oder gegen sie gespalten, ihre Religion war ein Quell menschlicher Liebe und humaner Bildung, aber die Humanität und die L^ebe ist ihnen bis auf diesen Tag duich sonderbare Verhältnisse nicht aus dem Vollen zuteil geworden-. Soweit S. Caffel, und gerade an diese letzten Worte muß immer wieder erinnert werden. — Das andere Ze> gnis stammt von meinem sei. Lehrer August Hirsch, allerdings noch aus der Zeit, wo er als nichtkonvertierter Arzt in Danzig sein berühmtes Werk schuf, das ihm (nicht ohne vorherige Taufe) die ordentliche Professur in Berlin cinbrachte. In der ersten Auflage dieses klassischen ,Har>dbuch.'s der historisch-geographischen Pathologie-. Band I p. 849 (Erlangen 1860) findet sich die in der späteren Auflagen leider fortgebliebene Verteidigung der Marannen, welche als Verbreiter der Syphilis zu Ende des 15. Jahrhunderts beschuldigt wurden. Hirsch bemerkt dazu: „Bekanntlich war die Verfolgung der Juden in Soan-en ebenso ein Akt des rohesten Fanatismus, den die Kirche nicht selten für ihre heiligen und profanen Zwecke auszubeuten verstanden hat, als eine Tat der gemeinsten Habgier von Seiten der Machthaber, welche in der Konfiskation und Beraubung der Tauscnde von reichen Judenfamilien nicht bloß ein Mittel zur Bestreitung des kostbaren Krieges gegen die Mauren, sondern auch eine günstige Gelegenheit zur eigenen Bereicherung fanden. Während uns also diese Seite jener Epoche aus der Geschichte d r Menschheit mit Schmerz und Ekel erfüllen muß, bietet uns die andere eines der bewunderungswürdiasten Beispiele von Glaubenötreue und einer, aus religiös-sitrlichem Bedürfnisse hervorgegangenen und bis zum Heroismus gesteigerten Selbstverläugnung, wie ihn eben die spanischen Juden ... in dem festen, unerschütterlichen Anhängen an dem Glauben ihrer Väter, dem bereitwilligen