Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Jahresbericht
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 134 (sequence 6)
- Language
- German
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134 Im deutschen Reich. sammlung so über die Maßen bedenkliche Dinge behauptet worden sind, daß selbst dieser hartgesottene Priester sich veranlaßt sah, sein Amt aufzugeben, hat ihn wahrscheinlich weniger angefochten. über seinen Freund Herrn Hans von Mosch sind in der rem antisemitischen „Sachsenschau" unglaubliche Dinge verbreitet worden, und die Herren haben durch unsere gegenüber ihren Blättern ergangenen Berichtigungen offenbar einen solchen Abscheu vor dem §11 unseres Preßgesetzes bekommen, daß, obgleich die ehrenrührigsten Dinge von Mosch verbreitet worden sind, er sich nicht veranlaßt gesehen hat, den § 11 anzuwenden: er hat jene Angriffe auf seine Ehre völlig unberücksichtigt gelaffen. Diese Herren, die sich ja in den letzten Jahren hauptsächlich zusammengefunden hatten, um mit dem Ritualmord-Schwindel krebsen zu gehen und auf Grund dessen ihre geschäftlichen Erfolge zu erzielen, diese Herren haben immerhin eine Saat ausgestreut, die noch auf lange Zeit unsere Tätigkeit in Anspruch nehmen wird. Es ist leider Gottes ihnen gelungen, bei den vielen, die auch in Deutschland nicht alle werden, einen Glauben an jenes Märchen zu begründen, der, wie gesagt, sehr schwer ausgerottet werden kann, und der schon früher und auch jetzt noch immer dauernd unheilvolle Folgen gezeitigt hat. Es ist ja üblich geworden, daß um die Osterzeit ein Ritualmord-Schwindelchen in die Welt gesetzt wird. Das macht immerhin die langweiligen antisemitischen Zeitungen einmal eine Weile allgemein interessant; sind sie interessant, so werden sie gekauft und kann man mit ihnen Geld verdienen. Das ist ja natürlich der Endzweck. Es hat im vorigen Jahre ein Lehrling Beyer in Flatow das Unglück gehabt, in Irrsinn zu verfallen. Er lief in den Wald, erfror, und, wie demnächst sestgestellt wurde, wurde seine Leiche von Tieren angefreffen, die, weil alles mit Schnee bedeckt war, wahrscheinlich sonst nicht die genügende Nahrung im Walde gefunden haben. Flugs war das Ritualmord-Märchen fertig, und es fehlte gar nicht viel — bedenken Sie, in Flatow, ganz in nächster Nähe von Könitz! — eS fehlte gar nicht viel dazu, daß auch dieser junge Mann gleich Winter herhalten mußte zu einem Ritualmord- Schwindel im allergrößten Stile. In Jutroschin ist der angesehenste jüdische Kaufmann Herr Rosenbaum verdächtigt worden, einen Schüler in den Keller gelockt, dort mit dem Schächtschnitt zu Tode befördert und dann in eine Kiste gepackt zu haben. ES hat sich schließlich herausgestellt, daß