Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Eschwege-Schmalkalden
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 127 (sequence 3)
- Language
- German
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Eschwege-Schmalkalden. 127 darüber gelassen, dah der Antisemitismus vom Standpunkte des Liberalismus als das größere Uebel im Verhältnis zur Sozialdemokratie zu erachten sei und daß hiernach jeder freisinnige Wähler dem Sozialdemokraten seine Stimme zu geben habe. Der Liberalismus kann ja auch tatsächlich nicht antisemitisch, denn das hieße reaktionär, sein. Daher können nicht prinzipielle, sondern nur taktische Gründe das Verhalten der Leitung der Volkspartei bestimmt haben: entweder lehnt sie es grundsätzlich ab, die Lokalkomitees oder die Einzelwähler in ihren Entschließungen bei Stichwahlen, bei denen volkeparteiliche Kandidaten nicht beteiligt sind, zu beeinflussen, oder sie hat im vorliegenden Falle auf Anschauungen und Wünsche der lokalen Organisationen Rücksicht nehmen zu sollen geglaubt, sei es auch nur um deswillen, weil sie ein Ankämpfen gegen sie für ausausstchtslrs hielt. Welche Gründe der Taktik auch immer die entscheidenden gewesen fein mögen, —- wir Hallen sie durchweg für verfehlt, und zwar nicht blos vom Standpunkte der Juden, sondern auch vom Standpunkte desjenigen, der, unbekümmert um die Interessen des Judentums, lediglich die Interessen des Liberalismus gewahrt wissen will. Hat die Leitung der freisinnigen Partei das Prinzip, sich um Stichwahlen nickt zu kümmern, so erscheint uns das als ein unfruchtbarer Doktrinarismus, der der Theorie die Gebote des praktischen Lebens opfert. Es mag bequem sein, die Schwierigkeit der Entschließung auf Organe abzuwälzen, für welche die Centralleitung an sich nicht verantwortlich ist; die Centralleitung muß den großen Gesichtspunkten des politischen Lebens Rücksicht tragen; in grundsätzlichen Fragen darf den lokalen, durch lokale Interessen bestimmten Instanzen die Freiheit oer Entschließung unbeschadet des Ganzen nicht gewährt werden. Richtig mag sein, daß in dem Wahlkreise viele liberale, selbst jüdische Wähler, sich zu einem Eintreten für den sozialdemokratischen Kandidaten nicht entschlossen haben würden, wenn selbst die Leitung der Dolkepartei eine entsprechende Parole ausgegeben haben wirrte. Auch uns ist bekannt geworden, daß aus Furcht'-vor wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Druck selbst Juden dem Gegner des Antisemiten ihre Summe nicht haben geben wollen. Aufgabe einer Parteileitung aber ist es in solchem Falle, ihre Anhänger unbekümmert um den Erfolg zur politischen Reife zu erziehen und sie davon abzuhalten, daß sie, um vermeintliche Nachteile des Engeren in der Gegenwart zu vermeiden, die Zukunft des großen Ganzen gefährden. Man hat uns entgegengehalten, daß die Parteileitung nicht ehrlich gehandelt haben würde, wenn sie in dem Bewußtsein der