Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Eschwege-Schmalkalden
- Date
- 1904-03-01
- Page
- 126 (sequence 2)
- Language
- German
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126 Im deutschen Reich. mögen sie dem Antisemiten ihre Stimme gegeben oder der Stimme sich enthalten haben, der Antisemit gewählt worden ist, dürfte kaun>. gezweifelt werden können. Diese bittere Erfahrung hat mit vollem Recht unter unseren Glaubensgenossen Befremden und Entrüstung erregt; es hat der Vorwurf, daß die Leitung der Freisinnigen Volkspartei von antisemitischen Unterströmmungen nicht völlig frei sei, neue Nahrung gefunden, und uns ist der Vorwurf nicht eripart geblieben, daß wir die Interessen der deutschen Juden verkannt hätten, als wir es aklehnten, uns bei dem vor den Wahlen aus Anlaß des Falles Kopsch gegen die Freisinnige Volkspartei veranstalteten Kesseltreiben zu beteiligen. Beide Vorwürfe sind ungerechtfertigt. Auch heute zweifeln wir nicht daran, daß die Leitung der Dolkspartei vom Antisemitismus frei ist. Wenn sie trotzdem die Parole: »Gegen den Antisemiten" nicht ausgcgeben hat, so kann sie nicht von der Erwägung geleitet worden sein, daß der Antisemitismus im Verhältnis zur Sozialdemokratie das kleinere Uebel sei. Eine solche Erwägung wäre mit wirklich liberaler Gesinnung unvereinbar. Die Gleichberechtigung der Menschen muß das höchste Prinzip liberaler Weltanschauung sein. Die vom Standpunkte des Liberalismus allein zutreffenden Gesichtspunkte hat denn auch unter anderen liberalen Blättern die Vossifche Zeitung in dem Abcndblait vom 25. Februar 1904 mit den Worten dargelegt: „Herr Raab lst ein Antisemit von der wüstesten Tonart, .der den Juden die Gleichberechtigung entziehen will und sie mit Schmähungen überhäuft. Er gehört zu jener Gruppe, die seit Jahren das blutige Märchen vom Ritualmord vei breitet und dadurch Ausschreitungen verursacht hat, wie sie ihre Früchte in Könitz getragen haben. Man braucht nur an diese Vorgänge und an den Mord von Siegers zu denken, um nicht den geringsten Zweifel zu haben, daß kein liberaler Mann für den antisemitischen Kandidaten Raab stimmen kann. Herr Raab ist überdies nicht nur Antisemit; er ist auch entschiedenster Gegner der Handels- und Gewervefreiheit, ein Ueberagrarier, ein Fanatiker, der jeder reaktionären Maßnahme freudig zustimmt, namentlich wo es gilt, den Handel und zumal die Börse in Fesseln zu schlagen." Wir haben, um von der Volks-Zeitung und anderen Blättern zu schweigen, gerade die Vosfijche Zeitung erwähnt, weil bekannt sein durste, wie scharf sie besonders in jüngster Zeit an allen Orten der Sozialdemokratie entgegengetretcn ist. und weil sie auch in jenem Artikel ihre Gegnerschaft zur Sozialdemokratie in energischster Weise zum Ausdruck gebracht hat. Nichtsdestoweniger hat sie keinen Zweifel