Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Der Ewige Jude - kein Jude!
- Date
- 1904-02-01
- Page
- 96 (sequence 11)
- Language
- German
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9i> Im deutschen Reich. „damit Ihr nicht sterbet!" Daß diese Wertschätzung des Lebens, welcher die Ahasver-Sage so sch'off widerspricht, nicht nur das Alte, sondern auch das Neue Testament durchdringt, hat ein bekannter Dresdener Gelehrter, Profeffor Dr. August Wünsche, in seinem Werke „Der lebensfreudige Jesus" erschöpfend nachgewiesen. Vom Ahasver entbält das Neue Testament nicht das Geringste, w"hl aber schildert es in dem barmherzigen Samariter ein Vorbild rührender Einfalt und gibt dabei einen Hinweis auf das Evangelium „allumfassender Menschenliebe", welches später in den deutschen Dichtern Lejsing und Herder begeisterte Apostel finden sollte. Kann demnach die Abasver-Sage weder auf dem Boden des Christentums, noch auf dem des Judentums erwachsen sein, dann scheint die anfängliche Behauptung wohlbegründct, daß dieselbe heidnischen Ursprungs ist. Ter einäugige Himmelsstürmer Odin, dem die Nomen den Tod seines Sohnes Baldur künden, und der den ungeheuren Schmerz bis zur Götterdämmerung des jüngsten Tages weiter tragen muß, sieht dem Ahasver täuschend ähnlich. Odin verkörpert eine jener nach den Naturgesetzen regelmäßig wiederkehrenden Himmclcerscheinungen, denen die damals in Folge ihres Aufenthaltes in kalten und dunklen Wäldern pessimistisch angehauchten Germanen ein düster-poetijckes Gewand verliehen. Später mögen christliche Mönche der im deutschen Volke unausrottbaren Sage von dem gramerfüllten rastlosen Wanderer Odin auf einen Gottlosen bezogen haben, der ihren Erlöser schmähte. Weist doch das Nibelungenlied eine ähnliche mönchische Umbildung heidnischer Mythen von dem germanischen Sonnengott auf! Auch der Philosoph Schopenhauer beschäftigte sich mit der Rätselgestalt Ahasvers, in welcher der tiefe Denker nicht das Sinnbild des Judentums, sondern der zwischen Lebenslust und Todessehnsucht hin und her schwankenden Menschennalur erblickte. Soll aber der „Ewige Jude" unserer Zeit nichts anderes darstellen als den „ewigen Menschen", so kann uns dies nur dazu anspornen, Menschen im Sinne der Ewigkeit zu werden, uns selbst zu erkennen, zu beherrschen und zu veredeln. Wenn ein solches Streben einst die ganze Menschheit durchdringt, dann wird die Spukgefialt des Ewigen Juden die Phantasie nicht mehr schrecken. Die Vermengung des Ahasver- Leides mit dem Kummer, der die Juden heute wieder schwer belastet, verliert mehr und mehr an Bedeutung, - trotz des neuzeitlichen Rückschlages. der bei allen großen Wandlungen von Zeit zu Zeit erfolgt. Der Jude ist längst kein Nomade mehr; der deutsche Jude hat ein Vaterland und liebt es und hat Ursache es zu liebe«. Hasteten die