Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1904)
- Article
- Der Mord in Stegers vor den Konitzer Geschworenen
- Date
- 1904-02-01
- Page
- 70 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316717-2332829--12079-2332884- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
70 Im deutschen Reich. Nach dem Beginn der sachlichen Verhandlung bemerkte der Angeklagte Hahn auf Befragen des Vorsitzenden: Am Abend des 28. September 1903 sei in der Schultest n Gastwirtschaft der Postbole Werner erschienen und habe Briefe verteilt. Darauf habe der Jude gesagt: „Ich bin Postdirektor und werde den Postboten anzergen; nach 8 Uhr abends dürfen Briefe nicht mehr ausgeteilt werden". Tischlermeister Stutzke ärgerte sich darüber und gab dem Juden eine Maulschelle. Daraufhin war der Jude sehr aufgeregt und fragte, ob die Anwesenden katholisch oder evangelisch seien? Als ihm geantwortet wurde: beides, begann der Jude in einer fremden Sprache zu singen. — Vors.: Was war das für eine Sprache? — Angekl.: Ich weiß es nicht, die anwesenden Katholiken sagten: er singt lateinisch, er scheint das „Paternoster" zu singen. — Vors.: War der Gesang nicht hebräisch? — Angekl.: Ich kann es nicht sagen. — Vors.: Betete der Jude*) vielleicht für sich Hein ätsch oder sind Sie der Meinung, daß er eine evangelische oder katholiiche gottesdienstliche Handlung verhöhnen wollte? — Angekl.: Ich war bet Ansicht, daß er eine gottesdienstliche Handkmg nachahmen wollte, deshalb war ich ärgerlich — Von.: Sre hielten es für eine Verhöhnung einer christlichen gottesdienstlichen Handlung? Haben sich die Änderen auch darüber geärgert? — Angekl.: Es haben sich alle geärgert. — Vors.: Sie und Graeber haben deshalb den Juden auf den Kopf geichlagen? — Angekl.: Jawohl. — Vors.: Ist der Jude ms Gespräch gezogen worden? — Angekl.: Der Jude hatte sich ohne Veranlassung ins Gespräch gemischt. Der Angeklagte Hahn erzählte weiter auf Anfrage des Vorsitzenden: Nachdem Schülke Feierabend geboten hatte, sei er, Schülke, ein fremder Fleischer geselle und der Jude im Lokal geblieben. Er sei noch geblieben, weil Schülke ihm Abendbrot geben wollte. Der fremde Fleischergeselle sagte: Ich bin mit dom Juden von Hammerstein gekommen; dort hätte er auch bald W.chre wegen gotteslästerlicher Redensarten erhalten. Sehr bald foi auch der Nachtwächter Vergin in die Gastwirtschaft gekommen; es sei Schnaps getrunken worden, der Jude habe aber keinen Schnars bekommen. Plötzlich habe dieser gesagt: „Wenn heute Cbnstus auf die Welt käme, dann würde er wieder verdammt und geste mzt we«den". Darüber ärgerten wir uns; Vergin ergriff den Juden an der Brust, w.-rbelte ihn rin paarmal umher, sodah der Jude zur Erde fiel. Alsdann versetzte Vergin dem Juden mit seinem Stock ein paar Schläge. Er habe den Stock des *) Der Name des „Juden" scheint dem Vorsitzenden entfallen zu sein.